Klassikkritik

Piotr Anderszewski, der Pianist der extremen Kontraste

Der Pole polarisiert, auch in der Staatsoper

Harte Kost am Sonntagvormittag. Wie ein Berserker stampft Piotr Anderszewski Fortissimo-Oktaven in den Steinway, verfällt in fiebrige Alpträume, jagt mit eckigem Schrecken über die Tastatur. Kaum wiederzuerkennen ist Robert Schumanns Novellette op. 21 Nr. 8, jenes lebhaft muntere Werk, in das der Komponist einst seine komplizierte Liebesbeziehung zu Clara Wieck eingebrannt hat. Bei Anderszewski taumelt Schumann von einem Wahnsinn in den nächsten.

Nicht alle Zuhörer halten das aus. Die Parkettreihen der Staatsoper im Schiller Theater lichten sich nach der Pause um ein paar Köpfe. Die unbequeme Originalität des polnischen Pianisten bleibt. Mit höflich gewinnendem Lächeln nimmt er den Applaus entgegen, selbst wenn er sein Publikum kurz zuvor noch unwirsch vor den Kopf gestoßen hat. Anderszewski ist ein Pianist der extremen Kontraste, sein Klavierspiel lebt vom hauchzarten Super-Pianissimo, von den sogartigen Crescendi, von messerscharfen Fortissimo-Attacken. In seiner Brust streiten Enfant terrible, verführerischer Feingeist und nüchterner Asket um die Wette. Paradestücke, die er bereits seit Jahren im Repertoire führt, wirken plötzlich wie neu für ihn komponiert. Bachs Französische Ouvertüre BWV 831 gleich zu Beginn unterwirft er artifiziellen Experimenten. Streng und gradlinig lässt er die Bässe im ersten Satz rollen, seiner Courante dreht er einen adretten Temposchwips an, die erste Gavotte hüllt er in erstaunlich nüchterne Klänge des linken Pedals.

Keine Frage: Anderszewski polarisiert. Er zieht unerhörte Dinge aus den Partituren, Dinge, die keiner sonst für möglich gehalten hätte. Doch er tut dies mit entwaffnender Ernsthaftigkeit und großer Überzeugungskraft. Ehrlich und selbstlos dringt er in der zweiten Konzerthälfte in Leoš Janáčeks eigenwillige Klavierästhetik des frühen 20. Jahrhunderts ein. „Auf verwachsenem Pfade“ heißt der Zyklus, mit dem der tschechische Komponist den Tod seiner 21jährigen Tochter verarbeitet hat.

Anderszewski setzt einsame Schmerzakzente, durchleidet fünf posthum veröffentlichte Klavierstücke aus diesem Werk in stiller Inbrunst. Im Kopfsatz von Beethovens später As-Dur-Klaviersonate op. 110 bannt er sein Publikum anschließend wieder mit schier endlosen Pianissimo-Schleiern. Er breitet sein gesamtes Können in so konzentriertem Reichtum aus, dass man nur staunen kann. Trotz stürmischer Leidenschaften und aufopfernder Hingabe hält Anderszewski die Beethoven-Zügel jederzeit fest in der Hand. Begeisterter Beifall und zwei Zugaben folgen. Man muss Hausherr Daniel Barenboim danken, dass er diesen Ausnahme-Pianisten ins Schiller Theater geholt hat – einen Pianisten, der so meilenweit von Barenboims eigenen musikalischen Anschauungen entfernt ist.