Klassik-Kritik

Mit straffen Zügeln: Bernard Haitink in der Philharmonie

Bernard Haitink ist bekannt und berüchtigt für seine nüchtern intensive Dirigierkunst. 50 Jahre ist es her, dass der Niederländer die Philharmoniker zum ersten Mal führte.

Das Programm des Jubiläum-Abends hat sich der 85-Jährige selbst ausgesucht: Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert KV 271 und Bruckners Vierte Sinfonie. Auch Pianist Emanuel Ax scheint seine Wunschwahl zu sein. Der Amerikaner passt seinen Klavierton umgehend den Ersten Geigen an, er imitiert ihre nachdrückliche Klarheit, ihre präzise Natürlichkeit. Haitink bietet einen perfekt aufgeräumten Mozart mit stabilem Bassfundament und sauber aufeinander abgestimmten Instrumentengruppen.

Bruckners Vierte Sinfonie beschäftigt Haitink zwar schon seit vielen Jahrzehnten, trotzdem schaut er immer wieder prüfend in die großformatige Partitur. Forsch und kernig durchdringt er den ersten Satz. Er lässt die Tutti explodieren, gestattet den Blechbläsern aggressive Dominanz. Die Holzbläser winden sich tapfer im Schlachtgetümmel. Im Adagio ziehen sie berückende Nebenstimmen aus dem dichten Bruckner-Geflecht, die Streicher schwelgen im Nachtdunkel. Und dann geschieht das Wunder: Im Scherzo lockert Haitink die straffen Zügel, die Philharmoniker blitzen plötzlich vor Übermut. Ihr bisher tadellos korrektes Bruckner-Spiel driftet ins Musikantische. Applaus-Sturmböen hinterher für Stefan Dohr, den Anführer der Blechbläser. Zu Recht: Sein goldener Horn-Ton veredelt diesen Bruckner.