Literatur

„Autoren werden von uns gequält“

Klaus Wagenbach hat vor 50 Jahren seinen Verlag gegründet. Ein Gespräch über wilde Zeiten, Autorenpflege und den Buchmarkt

Als Hersteller meldete Klaus Wagenbach vor 50 Jahren in West-Berlin ein stehendes Gewerbe an – bald darauf waren die Bücher des Wagenbach-Verlags aus der umkämpften Bonner Republik nicht mehr wegzudenken. Bei Wagenbach erschienen Bücher von Johannes Bobrowski und Wolf Biermann, von Erich Fried und F. C. Delius, aber auch von Ulrike Meinhof. An diesem sonnigen Vormittag aber soll es im Büro von Susanne Schüssler, die den Verlag seit 2002 leitet, um Gegenwart und Zukunft gehen. Ihr Mann Klaus Wagenbach, 83, nimmt bestens gelaunt auf einem Besucherstuhl Platz. Wieland Freund und Richard Kämmerlings führten das Gespräch.

Berliner Morgenpost:

Der Wagenbach-Verlag sieht sich seit seinen Anfängen mit der Frage konfrontiert: Wie kann das wirtschaftlich überhaupt funktionieren?

Klaus Wagenbach:

Ich habe früher gern gesagt: Meine Aufgabe ist es, ein konkursreifes Unternehmen erfolgreich zu leiten. Das „erfolgreich“ hat man immer übersehen. Bei der Bank kam das nicht so gut an. Die haben uns damals gleich den Kredit gesperrt.

Könnte man ein solches Projekt heute noch in Angriff nehmen?

Wagenbach:

Es gibt ja Beispiele für heutige Neuanfänge, Matthes und Seitz etwa. Ein Verlag, hinter dem kein Konzern steht und keine Vertriebsmaschine, hat die kleine Nische, wie etwa der Karl-May-Verlag, oder er macht Programm, aus Kenntnis und – ästhetischer oder politischer – Überzeugung. Sichtbar wird man in der Masse der Neuerscheinungen nur durch schöne Gestaltung.

Als Sie vor 50 Jahren Ihr Gewerbe anmeldeten, gab es die Abrede „Mehr Geld für Autoren“. Warum hat das nicht funktioniert?

Schüssler:

Es hieß nicht mehr, sondern gleiches Geld für alle. Aber die Kosten sind nicht für alle Bücher gleich, das hängt von Auflagen ab und so weiter. Ausländischen Autoren etwa müssen wir im Prinzip weniger anbieten, weil wir die Übersetzung einkalkulieren müssen. Eine Staffel von zehn bis fünfzehn Prozent Autorenbeteiligung ist heute nicht mehr zu machen. Die Kosten – für Papier etc. – sind explodiert. Wir versuchen nach wie vor, Autoren ähnlich zu bezahlen. Vor allem aber werden sie bei uns für voll genommen, dürfen Vorschautexte sehen, die Cover, die Typografie. Der Autor muss sich mit unserer Arbeit auseinandersetzen und idealerweise identifizieren. Er wird von uns gequält und genervt. Das ist alles furchtbar anstrengend.

Für Wagenbach scheinen die normalen ökonomischen Gesetze nicht zu gelten. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Schüssler:

Dass ich nicht spekulativ Bücher einkaufe, von denen ich glaube, dass sie im nächsten halben Jahr einen Gewinn bringen. Man muss eine sehr langfristige Programmpolitik machen, was für einen angestellten Verleger, der vielleicht nur zwei Jahre da ist, schwieriger ist. Wenn einer keine lange Perspektive hat, warum soll er lang denken? Das tut nur jemand, dem der Laden gehört. Nehmen wir als Beispiel die Reihe Salto. Die gibt es seit 1987, es sind 200 Bücher erschienen. Mehr als die Hälfte davon ist noch lieferbar. Manche sind in der achten oder zehnten Auflage. Damit finanzieren wir den Blödsinn, den wir sonst noch so machen.

Wagenbach:

Eine Anekdote: Wir hatten mit Alan Bennetts „Die souveräne Leserin“ einen Bestseller. Ich bin damals stolz wie Graf Rotz in die Buchhandlungen gegangen, und zwar in die „feindlichen“, nichtsnutzigen Buchhandlungen, wo wir sonst nicht ein einziges Buch haben. Der Bennett war schon von Weitem sichtbar. Normalerweise sind Bestseller mit dem Dreischneider gemacht: Ziegelstein, zack, zack, zack und weg damit auf die Bestsellerliste. Und in diesem Ensemble stand nun unser Salto-Band. Man hat sofort gesehen: Das passt hier nicht. Das Buch weinte, weil es da stehen musste, und dachte: Wie komme ich hier wieder raus?

Wagenbach sei ein „wilder Verlag“, sagt Wagenbach. Was wir hier hören, deutet eher auf Solidität.

Schüssler:

Sie ermöglicht uns, bestimmte Dinge zu machen. In der kulturwissenschaftlichen Bibliothek machen wir grandiose Bücher, bei denen wir pro Stück einen Euro verlieren. Und das wissen wir vorher. Das ist das Wilde an uns.

Ein Verlag aus wilden Zeiten, der jetzt von konservativen Tugenden lebt?

Schüssler:

Ich glaube, dass der Verlag von Anfang an auch konservativ war. Schauen Sie, wie sorgfältig die Quarthefte gemacht worden sind. Klaus Wagenbach war früher Hersteller. Das Sorgfältige im Handwerk verbindet uns beide. So haben wir uns gefunden. Auch beim literarischen Geschmack. Das Schwierige war eher die unterschiedliche politische Sozialisation. Ich komme ja aus dem CSU-dominierten Bayern.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Buchmarkts?

Schüssler:

Ich weiß nicht, ob die Gesamtentwicklung uns besonders benachteiligt. Bei den Problemen der großen Ketten wie Thalia ist mein Mitleid begrenzt, das bekommen wir auch nicht so spüren. Denn natürlich nimmt Thalia gern 1300 neue Bennetts auf Zentrallager. Und wenn ich dann frage, was sonst noch, heißt es: Ja, nix! Am Leben erhält uns der unabhängige Buchhandel, der auch Lust hat, unsere beratungsintensiven Titel zu verkaufen.

Auch die Backlist?

Schüssler:

Die Liquiditätsproblematik führt dazu, dass sich die Buchhändler immer weniger in den Laden stellen. Und dann ist da natürlich Amazon: Je höher der Marktanteil ist, desto stärker kann Amazon die Konditionen diktieren. Und es ist nicht so, dass die ihre Rechnungen pünktlich zahlen würden. Gerade sind etwa zwei beträchtliche Rechnungen aus dem Vormonat offen. Gerade ist Amazon bei uns gesperrt.

Pi mal Daumen wird jedes fünfte Buch über Amazon verkauft.

Schüssler:

Bei uns ist das deutlich weniger. Wir sind ein klassischer Sortimentsverlag. Es gibt etwa 200 Wagenbach-Buchhandlungen. So viele waren es auch vor zwanzig Jahren. Es sind nicht die gleichen. Immer wieder kommen neue hinzu, in Berlin beispielsweise.

Würde Wagenbach auch ohne das Sortiment funktionieren?

Schüssler:

Das ist die Hauptfrage, gell? Dass es zukünftig einiges geben wird, was am Sortiment vorbeigeht, scheint mir auch klar. Das muss aber nicht unbedingt Amazon sein. Unsere Reihe Politik ist ein gutes Beispiel, die verkauft sich über andere, sehr spezielle Kanäle, die NGOs etwa.

Spielt da nicht das E-Book eine große Rolle?

Schüssler:

Das habe ich mir auch gedacht: E-Book-Leser sind Sachbuchleser, mehr Männer als Frauen, eher jünger als älter. Das stimmt aber überhaupt nicht. E-Book-Leser sind Damen über fünfzig, die langsam – wie ich selbst – altersweitsichtig werden und sich das schön groß einstellen können und die zu Hause ein großes Bücherregal und einen Mann haben, der sagt: Jetzt musst du nicht noch ein Buch kaufen. Sie kaufen eher Literatur. In der Reihe Politik werde ich deshalb in Zukunft keine E-Books mehr machen. In der Belletristik dagegen schon.

Wo bleiben da die apokalyptischen Hochrechnungen zur Zukunft des Buchs?

Schüssler:

Es ist hoffnungslos übertrieben. Der Katastrophismus ist in unserer Branche sehr beliebt. Der deutsche Markt wird sich nicht so wie in Amerika entwickeln. Manche Genres sind im E-Book gut aufgehoben: Erotik, Krimi. Das wird uns nicht so stark treffen. Schön gemachte Bücher gibt es nur als Gegenstand.