Kaukasus

Die vergessene Mitte

Stephan Wackwitz reist durch Georgien, Armenien, Aserbaidschan

„Die vergessene Mitte der Welt“ von Stephan Wackwitz ist eines der klügsten und schönsten Bücher, die ich im letzten Jahrzehnt über den Kaukasus gelesen habe. Ausgehend von kaukasischen Landschaften, mäandert Wackwitz souverän durch die Kulturgeschichte und zeichnet auch aktuelle politische Ereignisse nach – wie etwa die gewaltsamen Übergriffe von Erzkonservativen und orthodoxen Priestern auf eine Demonstration gegen Homophobie im Vorjahr.

Behutsam erzählt Wackwitz auch die Geschichte des armenischen Völkermordes während des Ersten Weltkrieges, die er sehr richtig als „Holocaust“ bezeichnet: „Dieser Holocaust wurde zum Ursprungsmythos moderner armenischer Staatlichkeit und zum universalen Bezugspunkt armenischer Identität überall auf der Welt.“ Heute kopiert Armenien in vielen Punkten den Staat Israel – das armenische Genozid Museum in Eriwan hat nicht nur architektonisch und didaktisch vieles mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gemeinsam, und unlängst wurde auch in Armenien das Programm „Birthright“ eingeführt. Wenn nicht gerade in Baku wie 2012 ein Eurovision Song Contest stattfindet, taucht der Kaukasus in den internationalen Medien kaum auf, vor allem nicht mit Kulturnachrichten.

Was Literatur und Essayistik angeht, gibt es zwar einige Bücher über den Tschetschenien-Krieg, und zwar ausgerechnet von Nichtrussen, etwa die „Dreihundert Brücken“ von Bernardo Carvalho, „Die niedrigen Himmel“ von Anthony Marra oder die wunderbaren Essays von Juan Goytisolo „Landschaften eines Krieges“. Auch versucht die in Moskau lebende Alisa Ganieva, Dagestan auf die literarische Weltkarte zu bringen; doch bleibt der Kaukasus vor allem der Sehnsuchtsort der russischen Klassiker: Lermontow, Puschkin, Tolstoi, Gasdanow und viele andere reisten durch diese Region. Sie verarbeiteten ihre Erlebnisse mit einem romantisch-verklärten und eben noch nicht postkolonial-kritischen Blick, der auch noch heute in Russland in naiver Weise sehr lebendig ist.

Wackwitz vergleicht die Verklärung des Kaukasus mit der deutschen Italien-Sehnsucht: „Und dabei ist mir, seit ich hierhergekommen bin, als hätten wir mit Georgien ein nicht weniger mediterranes Land als Italien vergessen.“ Und an einer anderen Stelle heißt es: „Zur Entschuldigung meiner georgischen Aus- und Anfälle könnte ich außerdem eine lange Reihe von berühmten literarischen Entlastungszeugen benennen und literaturhistorische Präzedenzfälle ersten Ranges anführen. Denn ich bin hier, was seinerseits wiederum viel Peinliches hat, sozusagen nach einem literarischem Thema verzückt. Georgien ist seit Puschkin und Lermontow das russische und später sowjetische Italien. Eine Gegend, die man erobern muss und von der man träumen will.“

Alles in allem zeichnet Wackwitz’ Kaukasus-Buch vor allem von Georgien ein hoffnungsvolles Porträt. Für die anderen Staaten der Region scheint der Weg noch etwas weiter.

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. S. Fischer, Frankfurt. 256 Seiten, 19,99 Euro