Tagebuch

Ein „altes Zirkuspferd“ nimmt Abschied vom Kulturbetrieb

„Time to say goodbye“, sagt Fritz J. Raddatz am Ende seines neuen Buches.

Ein ebenso bedeutender wie schillernder Zeitzeuge und Intellektueller der alten Bundesrepublik singt noch einmal das Lied einer vergangenen, aber nichtsdestoweniger wichtigen Epoche der deutschen Nachkriegszeit. Der jetzt 82-jährige Publizist und Kritiker Raddatz, ehemals auch einflussreicher und tonangebender Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, hat diese Zeit auch in seinen privaten Tagebüchern festgehalten. Deren ersten Teil (1982-2001) publizierte er vor einigen Jahren. 2003 erschienen seine Memoiren („Unruhestifter“).

Wie eine Grundmelodie durchzieht auch sein letztes Tagebuch seine Klage über die „Mäusetrettrommel“ im Journalismus und die „Verkommenheit des Kulturbetriebs“. Diesen hat allerdings auch ein Raddatz über viele Jahre nach Kräften bedient und dem er, wie er selbstkritisch notiert, bis zuletzt wie „ein altes Zirkuspferd“ hinterhergetrottet ist, weil es doch sein Leben ist und das „Loslassen“ so schwer fällt.

Den ganzen Welt- und Berufsschmerz bringt sein Dialog mit dem sterbenskranken Schriftsteller Peter Rühmkorf zum Ausdruck, der auf die Raddatz-Bemerkung „Ist es nicht sonderbar, wie unsere Seele schleift, immer den eigenen Papierspuren nach?“ nur leise erwidert: „Aber Radi, nur das, die Arbeit, war und ist doch unser Leben.“ Nur bleibt da ein Stachel, den ein Verleger in den ebenso „charmanten“ wie direkten Satz kleidete: „Im Buchhandel sind ja heute sehr viele junge Leute tätig – und die kennen Sie überhaupt nicht mehr.“

So ist denn das letzte Tagebuch im Gegensatz zum ersten Band, der auch eine große Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik ist, eine streckenweise menschlich sehr berührende philosophische Betrachtung eines alten Mannes über das „verrinnende Leben“, seinen Sinn allgemein, das Älterwerden und Loslassen-Können, über Vereinsamung und Verletzungen auch außerhalb des Berufes. Leider ist es wieder eine etwas ausufernde Klatsch- und Tratschgeschichte (Kürzungen hätten hier geholfen) vom „Hinterhof“ des Kulturbetriebs (wer will das alles so genau wissen außer ein paar Insidern).

Vor allem aber ist Raddatz ein einzigartiger Zeitzeuge des Kulturlebens der Bundesrepublik, was auch sein letzter, etwas klatschhafter und an diesen Stellen zäh zu lesender, aber insgesamt auch interessanter und berührender Tagebuchband verdeutlicht. Raddatz verabschiedet sich nach dem Motto „Es war sehr schön, drum sagen wir Auf Wiedersehen!“.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 2002-2012, Rowohlt, 720 Seiten, 24,95 Euro