Konzert

Schüchterne Musik und schmerzhafte Wahrheiten

Traurige Märchen: John Grant kehrt im Berghain seine Seele nach außen

Wenn John Grant singt, in seiner Stimme so süß, schwer und tief wie Schokoladenkuchenteig, in der großen Halle des ehemaligen Heizkraftwerks, das jetzt Berghain heißt, dann sind die Zuhörer Zeugen einer seltenen Schönheit. Wenn John Grant singt, hören wir Wahrhaftigkeit. Eine schmerzende Wahrheit.

Das Konzert beginnt mit „You don’t have to“ vom zweiten Album „Pale Green Ghosts“. Die Synthesizer klingen so nach frischem Grün, nach Grashüpfern, sie hüpfen also, hoch, runter, hin, her, vor, zurück. John Grant steht in der Mitte der Bühne an seinem Mikrofon, mit beiden Händen umfasst er den Ständer, so als ob er sich für immer an ihm festhalten möchte. Und er fragt also, ob sich sein Gegenüber noch daran erinnern könnte, wie sie nächtelang miteinander geschlafen haben. „Neither Do I because I always passed out“, gibt er sich selbst die Antwort. Er brauchte so viel Alkohol, um mit dem Schmerz umzugehen, deswegen erinnere er sich nicht mehr.

Nun kann man sagen, dass solche Songtexte exhibitionistisch sind, und dass Exhibitionisten in der Kunst schlimme Narzissten sind. Und eigentlich stimmt das ja auch. Aber wir brauchen die Exhibitionisten, denn nur der Exhibitionist zeigt eben alles von sich. Und so kann auch große Kunst entstehen, alles geben, das Innere nach außen drehen. Wo andere sich verschämt ein Handtuch um die Hüften legen und den Vorhang vorziehen, wenn sie vom Bad zum Kleiderschrank tapsen, macht der Exhibitionist das Fenster auf, das Licht an und ruft nach draußen: „Hier bin ich.“ John Grant schreibt so intime, schüchterne Musik, traurige Straßen in einer kalten Stadt, die in die Unendlichkeit führen. Aber er lässt den Zuhörer nah an sich, wie kaum ein anderer. Jedenfalls mit seinem zweiten Album. Er verschlüsselt in seiner Lyrik nichts mehr. John Grants Texte sind eine düstere Chronik. „I feel so stupid ‘cause I let myself down/ I acted like a motherfucking clown/ At a circus/ On the outskirts of town“.

Tiefer Schmelz in der Stimme

John Grants Biographie in Kurzform: Alkohol- und Kokainsucht bis 2004. Er spielte in einer Band, die Czars hieß. Er ist Amerikaner. Hat als Übersetzer in Deutschland gearbeitet. Er spricht mindestens sechs Sprachen perfekt, Deutsch, Russisch, Spanisch, Französisch, Schwedisch und Dänisch. 2010 outet er sich als schwul. Ein Donnerschlag für seinen christlichen Vater. 2012 macht er einen HIV-Test. Ergebnis: positiv. Mit „Pale Green Ghosts“ verarbeitet er seine Erfahrungen damit.

Der Hüne. Der Bärtige. Der mit dem tiefen Schmelz in der Stimme. Das Berghain feiert ihn an diesem Abend. Dort, wo normalerweise die stimmenlose Elektronik gefeiert wird, verehren sie den stimmhaftesten Musiker dieser Tage. Seine Band ist gut drauf. Sie sind zu fünft. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Synthies, E-Piano.

18 Songs spielen sie zusammen. Sie spielen von „Sigourney Weaver“, wie sie im Film Alien, die Außerirdischen niederringt, es sind moderne Parabeln. Das erste Album „Queen Of Denmark“ war das Fabel-Album. Kleine Märchen vom verliebten Prinzen John Grant, der es geschafft hatte aufzuhören mit dem Koks und dem Saufen, ein organisches Album mit Instrumentierung.

Inzwischen sitzt er am Keyboard. Weißer Nebel. Die Dunkelheit. Ein Lichtkegel. „Pale Green Ghosts“. „Pale green ghosts at the end of May/ Soldiers of this black highway“, irgendwo zwischen Joy Division und D.A.F. liegt das, kühl und industriell, fast wie früher Techno. Hart und kantig sind die Basslinien. Knarzig, wie rostige Zahnräder. Dissonante Tastentöne schießen in den Raum. Die Fabeln sind vorbei. Die grünen Geister sind jetzt hier.