Stadtplanung

Haus mit eigener Noblesse

Walter Ulbricht ließ die Berliner Bauakademie 1962 abreißen. Jetzt rückt der Wiederaufbau näher

Schinkels Bauakademie in Berlin ist ein Symbolbau schlechthin. Weit über seine Zeit, das historistische 19. Jahrhundert, hinausgreifend, ungewöhnlich in der Materialästhetik, technizistisch und rational in der Gliederung. Man hat sie das erste moderne Gebäude überhaupt genannt. Um so unbegreiflicher war die Entscheidung der DDR, sie abzureißen, um den Bauplatz für das quer bis an die Linden herangeschobene riesige Außenministerium frei zu räumen. Jetzt scheint wahr zu werden, was seit Langem gefordert wird: Die Bauakademie wird wiederaufgebaut.

Seit Jahren haben sich Vereine, Architekten und Berliner Bauwirtschaft dafür eingesetzt. Ein Förderverein Bauakademie und eine „Errichtungsstiftung“ wurden gegründet. Doch es war bei der Wunschvorstellung geblieben. Nun ist es die Stiftung Berliner Schloss Humboldtforum, die den Stein ins Rollen bringt. Sie will noch in diesem Jahr einen Architektenwettbewerb ausschreiben und das Gebäude zeitgleich mit dem Schloss 2019 fertigstellen. Auch für die Finanzierung zeichnen sich Lösungen ab, nachdem das benachbarte Auswärtige Amt Interesse an einer Mitnutzung des Bauwerks bekundet hat. Was noch aussteht, ist die politische Entscheidung.

Das in seiner Kubatur eher bescheidene und in seiner Gestaltung doch so eigenständige und selbstsichere Gegenüber des Schlosses war ein Ausnahmebau auch in Schinkels Werk, völlig anders, ja konträr zur Haltung des anderen, hochberühmten Schinkelbaus an der Nordseite des Lustgartens: des Alten Museums mit seiner Säulenkolonnade. Über welche Meisterschaft dieser Architekt verfügte, das wird an der Verschiedenheit der beiden Gebäude augenfällig. Zweimal musste Karl Friedrich Schinkel auf die Fassadenfront des Schlosses reagieren. Und jedes Mal fiel die Antwort diametral anders aus – immer charaktervoll, immer mit Noblesse.

In der dunkelroten Backsteinfassade, die Schinkel den hellen Natursteinfassaden des Schlosses konfrontierte, scheint etwas von dem tiefgreifenden Erlebnis nachzuleuchten, das Schinkel auf seiner Englandreise 1826 vor den Ziegelfassaden der Fabrikgebäude in Manchester zuteil geworden war. An sich war das Englanderlebnis alles andere als erhebend ausgefallen. Schinkel hatte sich von den „ungeheuren Baumassen von nur Werkmeistern und fürs nackteste Bedürfnis“ bedrückt gefühlt, und man wird kaum fehlgehen in der Annahme, dass er in ihnen gespenstisch das Neue des Industriezeitalters heraufziehen sah. „Man sieht die Gebäude stehen“, so notierte er erschrocken, „wo vor drei Jahren noch Wiesen waren, aber diese Gebäude sehn so schwarz geräuchert aus, als wären sie hundert Jahr im Gebrauch.“

Englische Eindrücke

Schinkels ehrgeizige Vorstellung war es, dass sich der Architekt als „Veredler aller menschlichen Verhältnisse“ zu verstehen und zu bewähren habe. Und so ließen ihn die englischen Eindrücke nicht ruhen, auch auf eine Veredlung des Bauens „fürs nackteste Bedürfnis“ zu sinnen. Ein Widerschein von diesem Ethos hat in der „Allgemeinen Bauschule“ (der späteren Bauakademie) Gestalt angenommen. 1832 bis 1836 errichtet, folgt sie der Englandreise in dichtem zeitlichem Abstand, und sie zeigt in allen Details das Bemühen, das Rationale der neuen Arbeitswelt mit dem Idealen der Kunstwelt zu versöhnen. Der streng durchgezogene Raster gleichförmiger Raumteile, die heute in Vorfertigung seriell hergestellt werden könnten, kontrastiert mit fein ausgearbeiteten Schmuckelementen aus Terrakotta, die den Portalen, Fensterbrüstungen und -bögen beigegeben sind und die – auch dies ein Hinweis auf die Programmatik – keineswegs nur die Mythen und Regeln der hohen Baukunst, sondern auch triviale Bauarbeiterszenen reflektieren.

Schinkel selbst hat dieses Ringen mit dem Neuen, das über die Bauakademie hinaus zu seinen späten visionären Entwürfen überleitet, mit dem berühmten, für seine Architekturauffassung zentralen Bekenntnis veranschaulicht: „Sehr bald geriet ich in den Fehler der rein radicalen Abstraction, wo ich die ganze Conception für ein bestimmtes Werk der Baukunst aus seinem nächsten trivialen Zweck allein und aus der Konstruction entwickelte, in diesem Falle entstand etwas Trockenes, Starres, das der Freiheit ermangelte und zwei wesentliche Elemente: das Historische und das Poetische ganz ausschloss.“

Es ist also nur bedingt richtig, wenn dieser außerordentliche Architekt dieses Neue nicht nur zu erfassen, sondern auch in seinen Konsequenzen einzuschätzen vermochte, als ein Ahnherr der Moderne in Anspruch genommen wird. Wohl stand er mit seinem ganzen Werk genau in dem Augenblick, als er seine Bauschule entwarf, vor derselben formalen Entscheidung wie der Architekt von heute.

Gebauter Realismus

Doch er entschied sich entgegengesetzt. Der Mythenkranz seiner Terrakottareliefs an der Bauakademie wurde zum Vorschein jener nie gebauten Phantasmagorien aus dem Geist von Poetik und Geschichte, die sein Spätwerk zum Unerhörtesten machen, was das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Noch ist unbekannt, wie viele von diesen Tafeln gerettet wurden und in welcher Form es seinen Platz in der Außengestalt des Bauwerks wieder einnehmen kann. Schinkel hat nichts Schriftliches dazu, keine Skizzen und keine Deutungen hinterlassen. Und deshalb wird die Botschaft der neuen Bauakademie noch rätselhafter und bruchstückhafter als die der alten ausfallen. Wenn Friedrich Schlegel, auf den Schinkel große Stücke hielt, einen „neuen, grenzenlosen Realismus“ nahen sah, aus dem wie eine Fata Morgana eine „neue Mythologie“ aufsteigen werde, so konnte man Schinkels Bauakademie schon damals wie eine Verbildlichung dieser Vorstellung verstehen.

Ihr Nachbau, in dem Geister einer Vergangenheit, die damals noch Zukunft war, ihrem Weckruf entgegenträumten, trüge also nicht nur die Signatur der Moderne, sondern auch die Geheimzeichen eines Architekturmythos’ in das 21. Jahrhundert, von denen noch immer niemand weiß, ob sie pure Spekulation oder Weissagung sind.