Serie

Nicht runterschauen: Das Erfolgsgeheimnis der ZDF-„Bergretter“

Der Himmel ist blau. Strahlend grau ist der Fels.

Wie eine Dohle fliegt man auf den Dachstein an. Weiße Wolken verlieren sich überm gewaltigen Massiv. Irgendwo unten verliert sich sattes Grün. Man meint die klare Luft atmen zu können. Es ist Sommer. Vier Menschen in fabrikneuer Outdoor-Kleidung balancieren auf einem dünnen Drahtseil über einem Abgrund, in den man als gewöhnlicher Flachländer weder gucken noch fallen möchte. Jetzt könnte ein Werbebanner für den Urlaub im Unesco-Weltkulturerbe Dachstein/Steiermark kommen.

Es kommt aber erst einmal das Gejaule vom Flachländer im Klettererteam, der so wenig schwindelfrei ist wie wir, weil er aber im Gegensatz zu uns nicht im Wohnzimmer sitzt, sondern am Berg steht, genau unsere Angst vor dem Abgrund herausschreit. Keine fünf Minuten später kommt der gelbe Hubschrauber.

Er wird noch häufig fliegen in den darauffolgenden 80 Minuten dieser ersten Folge der fünften „Bergretter“-Staffel. Immer wenn sich wieder einer verklettert hat in den Wänden des Dachsteins, wieder einer flüchtet vor irgendwas und beinahe zu Tode stürzt, kommen die Notfall-Spezialisten von Ramsau aus der Luft. Oder wenn sich die Spannungskurve des Drehbuchs im Flachen zu verlaufen droht. Wie ein Uhrwerk wechselt sich beides ab. Was für die Autobahnpolizei von „Alarm für Cobra 11“ der Crash, ist für die „Bergretter“, jene 2009 von ORF und ZDF erfundene Alpenactionserie, der Absturz.

Paradies mit Schönheitsfehler

Die Sender-Verantwortlichen kann man beglücken. Die Zuspitzung der Geschichten beider Bergserien (den von Sat.1 1992 erfundenen „Bergdoktor“ hatte das ZDF 1999 von den Privaten übernommen), die Modernisierung ihrer Dramaturgie, die konsequente Entsorgung alles Heimattümelnden, ihre Ausweitung zum abendfüllenden Format hat dazu geführt, dass beide Reihen inzwischen am Donnerstag Quoten erreichen, über die Markus Lanz demnächst am Samstag glücklich wäre.

Der Erfolg hat natürlich Gründe. Und die liegen in der Ausnutzung und Ausdehnung der Genregrenzen, in der Entgroschenheftung der Geschichten, soweit es jene Grenzen eben zulassen. Wie damals Deekelsen, das fiktive Revier des ungleich beschaulichen „Landarztes“ an der Schlei, sind auch Ramsau und Elmau Paradiese mit Schönheitsfehlern.

Auch hier hadern Männer und Frauen mit ihren Rollen, reiben sich Patchworkfamilien auf, werden große Pläne auf kleinen Höfen beerdigt und es wird weiter gelebt. Die Sprache ist ein astreines Hochdeutsch, jede Skisprungreportage ist unverständlicher. Gern geht es um den Einbruch der Moderne in die resttraditionelle Bergwelt. Im Auftakt der neuen „Bergretter“-Staffel zum Beispiel will ein Schladminger Start-up-Unternehmen eine neue Fernsprechtechnologie zur Überbrückung von Handyfunklöchern im Dachstein installieren, das sie für 45 Millionen an einen amerikanischen Elektronikmulti verkaufen wollen.

Das ist natürlich Eskapismus. Und am Ende dann, wenn man mit dem Hubschrauber oder mit dem alten, grünen Mercedes des Doktors endlos durch und über grüne Wiesen gefahren und geflogen ist, geht – sieht man mal von den Liebesgeschichten ab – natürlich alles gut aus.

ZDF: Die Bergretter Staffel fünf, ab heute, ZDF, 20.15 Uhr.