Grips Theater

Keine Atempause, Theater wird gemacht

Rasante Komödie über den Zusammenprall der Kulturen: Mina Salehpour inszeniert Lutz Hübners „Der Gast ist Gott“

Wer nicht weiß, wo diese Reise hingeht, muss immer nur der Nase nach: Schon beim Betreten des Grips Theaters im Podewil weist ein qualmendes Räucherstäbchen nach Indien, wo der 17-jährige Boris über einen Schüleraustausch hin soll. Von dem ist er zunächst wenig begeistert, zumal er erst drei Tage vor der Abfahrt davon erfährt, weil die eigentlich vorgesehene Klassenkameradin krank geworden ist. „Last-Minute-Schüleraustausch“, wie seine Mutter bemerkt, die die treibende Kraft hinter dem Trip ist und auch gleich selbst die Mail an die Gastfamilie schreibt. Boris’ Einstellung ändert sich allerdings schlagartig, als er sich in seine indische Gast-Schwester Radha verliebt.

Damit fangen die Probleme natürlich erst so richtig an in „Der Gast ist Gott“, das Deutschlands meistgespielter Gegenwartsdramatiker Lutz Hübner zusammen mit seinen indischen Kollegen Vibhawari Deshpande und Shrirang Godbole geschrieben hat. Hübner verarbeitet darin die verwirrenden Erfahrungen seiner ersten Indien-Reise 2011 – und spürt mit seinen Co-Autoren all dem nach, was den jeweils Anderen so fremd erscheinen ließ. Herausgekommen sind eine indische („Du and Me“) und eine deutsche Fassung, die die Irritationen auf beiden Seiten dokumentiert: In der indischen Gastfamilie herrschen strenge Regeln, es gibt verwirrend viele Traditionen und ein Dank Volkswagen hell strahlendes Bild von Deutschland. Boris wiederum, der von der strengen Moral, vom Verkehr und dem Lärm der Großstadt überfordert ist, stößt mit seiner westlichen Liberalität (Patchwork-Familie, schwuler Vater, Carsharing) auf Unverständnis.

Weil dieser Zusammenprall der Kulturen ziemlich komisch, aber naturgemäß auch klischeebeladen ist, haben die Autoren eine zweite Ebene eingezogen: Wir sehen eine Theaterprobe, auf der die vier Schauspieler das Stück entwickeln und kritisch hinterfragen. Angeblich ist diese offene Form im traditionellen indischen Volkstheater sehr beliebt – zum heutigen deutschsprachigen Gegenwarts-Theater passt sie jedenfalls gut.

Zumal in der Uraufführungs-Inszenierung von Mina Salehpour, die am Grips schon „Über Jungs“ rasant inszenierte und dafür im vergangenen Jahr mit dem „Faust“-Theaterpreis ausgezeichnet wurde. Auch in „Der Gast ist Gott“ drückt sie aufs Tempo, zitiert die Ästhetiken von Computerspielen, Videoclips, Seifenopern und Bollywood. Und das mit wenigen Mitteln: Die Schauspieler malen mit Konfetti in fünf Farben Fluss und Wiese auf die Spielfläche voller Probenmarkierungen, Podeste werden zu Stühlen, Koffern, Felsen. Man spürt den Spaß, den Salehpour und die Schauspieler dabei hatten, sich all die Szenen im Zeitraffer, voll Musicalschmelz, Slapstick und komischem Pathos auszudenken. Virtuos stürzen sich Nina Reithmeier und Robert Neumann als Austauschschüler, Katja Hiller und Roland Wolf als Erwachsene in all die mit hoher Frequenz wechselnden Situationen und Rollen. Atempause? Fehlanzeige.

Was allerdings das zentrale Problem des Abends verstärkt, der sich vor dem Drama drückt. Immer, wenn es interessant werden könnte, wenn jemand mal die wichtigen Fragen stellt (wie Boris, als er versucht, mit Radha eine gemeinsame Sprache zu finden; wie Radhas Mutter, die ein von Sorge getragenes Bild vom Leben in Deutschland zeichnet), wird dazwischengefunkt oder abgeblendet. Am Ende schillern die Klischees faszinierender als ihr Demontageversuch. Ein bisschen mehr Interesse für die Schmerzpunkte, die bei Hübner durchaus vorkommen (aber auch nicht so beeindruckend durchgearbeitet sind wie in „Aussetzer“ oder „Frau Müller muss weg“, die beide im Grips-Repertoire laufen), hätte der 80-minütige Abend gut vertragen können.

Grips Theater im Podewil, Klosterstr. 68, Mitte. Termine: 11. & 12. April; 2. & 3. Mai; 10. bis 13. Juni, Tel. 39 74 74 77