Konzert

„Eins ist schon mal klar: Tatort guckt ihr heute nicht“

Ein Entertainer, auch auf der Konzertbühne: Jan Josef Liefers im Postbahnhof

Man kann das Publikum an diesem Sonntagabend im ausverkauften Postbahnhof grob in zwei Kategorien einteilen: die Wissenden und die Neugierigen. Die, für die es längst selbstverständlich ist, dass der Schauspieler da oben auf der Bühne heute mal wieder ein Rockmusiker ist. Und die, denen Jan Josef Liefers bisher vor allem als Münsteraner „Tatort“-Rechtsmediziner Boerne ein Begriff war. Nach diesem mehr als zweistündigen Konzertabend sind sich alle einig: Dieser Typ steht auch als Entertainer auf der Konzertbühne seinen Mann.

Nun ist man zunächst immer ein bisschen skeptisch, wenn Schauspieler zu Musikanten werden. Liefers allerdings hat bereits 2003 sein erstes, noch englisch gesungenes Album „Oblivion“ veröffentlicht. Und Oblivion heißt nun auch seine Band, mit der er seit 2006 regelmäßig auf Tour geht. Im biografischen Programm „Soundtrack meiner Jugend“ erinnerte er sich an seine frühen Jahre in der DDR und sang sich entsprechend durch den Ostrock-Katalog von Lift über Silly bis zu Karat. Für das neue Programm „Radio Doria“ haben er und seine Musiker nun erstmals sämtliche Songs selbst getextet und komponiert, wobei die Vorbilder von Lift über Silly bis zu Karat nicht zu überhören sind.

Macht aber gar nichts. Der Sound ist eine energiegeladene Mixtur aus Progrock und Popmusik, die auf treibendem Beat, kraftvollen Gitarren und pointiertem Keyboardeinsatz schwebt. Nach einer instrumentalen Ouvertüre erscheint ein lässig-legerer Liefers und gibt mit dem Titelsong des kommenden Albums „Radio Doria – die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ das Motto des Abends vor. Einen Phantasie-Radiosender haben sie erfunden, samt eigenem, selbst produziertem Jingle. Und großem Logo auf der Leinwand im Bühnenhintergrund.

Es geht einmal mehr um Erinnerung. Um Schlaflosigkeit und lange Nächte, um große Liebe und große Gefühle, um das Suchen nach einem Platz im Leben. Und um heimliches Lang- und Kurzwelle hören unter der Bettdecke, das Abenteuer, aufregende Musik zu entdecken und in einer mondhellen Nacht einmal um die ganze Welt zu reisen. Liefers outet sich als Radiohörer und begrüßt sein Publikum mit einer nüchternen Feststellung: „Eins ist schon mal klar: Tatort mit Til Schweiger guckt ihr heute nicht.“

Viele neue Stücke gibt es zu hören. „Pralles Leben“ beispielsweise, mit skandiertem Sprechgesang in den Strophen und eingängigem Mitsingrefrain. Und natürlich ist der Schauspieler immer präsent. Liefers stimmt mit Texten, Szenen und Geschichten auf die Lieder ein. Mal trägt er die klassische Knobelaufgabe vom Bauern, der seinen drei Söhnen 17 Pferde vermacht, wie ein Jahrhunderte altes Märchen vor. Mal rezitiert er das Gedicht „Drei Teile Gold“ von Antek Krönung. Eine Ballerina tanzt dazu.

Vor dem neuen Stück „Eine gute Nachricht“ blättert er in Tageszeitungen. Und stößt in der Berliner Morgenpost auf ein Zitat seiner Ehefrau Anna Loos: „Im Gegensatz zu meinem Mann liebe ich Putzen und Aufräumen.“ Was kurz darauf zu einer fiktiven Telefonkabbelei mit der Ehefrau führt.

Später stimmt er „Es geht doch nichts über ein gemeinsam gesungenes Lied“ an. Ein Stück seines „Tatort“-Kollegen Axel Prahl, der ihm als prolligerer Hauptkommissar Thiel zur Seite steht. Auch Prahl setzt auf ein zweites Standbein als Musiker. Und steht nun plötzlich auf der Bühne, um zusammen mit Liefers und der Band „Summertime“ zu singen. „Dabei fällt mit ein“, sagt Liefers danach ins Publikum: „Jetzt seid ihr ja doch noch zum Tatort gekommen.“