Gedenken

Er atmete, dachte, lebte die Oper

Opern-Modernisierer Gerard Mortier ist gestorben. Aber sein Vermächtnis wirkt noch lange nach

Ob es ihn mit Genugtuung erfüllt hat? Sicher, denn Gerard Mortier war auch eitel. Das durfte, das musste er sein in seinem Spitzenjob im Opernbetrieb, wo es von Egomanen und Diven nur so wimmelt. Da saß er also, deutlich gezeichnet vom Bauchspeicheldrüsenkrebs, den er ein halbes Jahr vorher öffentlich gemacht hatte. Im Madrider Teatro Real präsentierte er, das wusste nur noch keiner, Ende Januar die letzte Premiere seines schaffensreichen Opernlebens als bedeutendster Intendant und Musiktheaterdenker der letzten Jahrzehnte, sinnigerweise eine Uraufführung: „Brokeback Mountain“, nach dem berühmten Film, von Charles Wuorinen vertont.

Es wurde nur ein Achtungserfolg. Aber egal, Mortier hatte es noch einmal probiert. Es muss schließlich weitergehen mit der vielfach totgesagten, aber immer noch hochvitalen Kunstform Oper. Die verband er hier mit Gesellschaft und Politik, wie er es immer angestrebt hatte. Und alle waren sie gekommen, die Kritiker, Freunde und Feinde.

Gerard Mortier war ein Arbeitstier. Er war mit der Oper verheiratet, sie war seine Muse und seine Geliebte zugleich. Er atmete, dachte, lebte die Oper. Er hasste bisweilen den Betrieb, aber er krempelte jeden Morgen wieder symbolisch die Ärmel hoch im Einsatz für das, was ihn umtrieb. Der flämische Bäckersohn, war ein Aufsteiger, der es immer allen zeigen wollte, dass er besser, schneller, klüger war. Und er hatte den rigiden Ethos der Jesuiten, bei denen er ausgebildet wurde, verinnerlicht. Er brannte für seine Sendung.

Geboren am 25. November 1943 in Gent, studierte er in seiner Heimatstadt Jura. Seine Karriere begann 1968 als Assistent des Direktors des Flandern-Festivals. Von 1973 bis 1980 leitete er die Betriebsbüros von Christoph von Dohnányi und Rolf Liebermann in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Paris. 1981 übernahm er für zehn Jahre die Leitung der Brüsseler Oper La Monnaie. Gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Sylvain Cambreling, dem wichtigsten Lebens- und Weggefährten bis zum Ende, entwickelte er ein neues Opernverständnis. Nach zehn Jahren in Brüssel war es Zeit für die größte Herausforderung seiner Karriere: die Erneuerung der im Staub der Nach-Karajan-Ära verkrusteten Salzburger Festspiele. Das ist Gerard Mortier grandios gelungen. Viele der Dinge, die er ab 1991 als Intendant und künstlerischer Leiter des größten und berühmtesten Festivals eintütete, haben einen legendären Ruf, bis heute. Er sollte die Festspiele einem jüngeren Publikum erschließen und das Festival auf das nächste Jahrhundert vorbereiten. Salzburg in den 90er-Jahren, das waren herrliche Kunstsommer voll Musik und Leidenschaft. Es wurde hochemotional um Politik und Kunst gestritten, fast jedes Jahr gab es irgendeinen Skandal, aber alle wollten dabei sein. Und Klassik war wichtig.

Als Gerard Mortier seinen Vertrag dort nicht mehr verlängerte, machte sich Berlin 2001 Hoffnungen, er könne die Leitung der Opernstiftung übernehmen. Das allerdings lehnte er vehement ab. Von der Opernstiftung hielt er nichts. Stattdessen plädierte er für die Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper. Ein Affront. Damit hat er sich in der Hauptstadt keine Freunde gemacht.

Von 2002 bis 2004 gestaltete Mortier den ersten Zyklus der neu konzipierten Ruhrtriennale, die die Industriebrachen und Fabrikkathedralen mit neuem Leben füllen sollte. Von 2004 bis 2009 leitete er die Pariser Oper. Für einen musikliebenden Belgier natürlich die berufliche Erfüllung, aber er gefiel sich an der Seine oft auch allzu sehr in purer Provokation.

Seine gemeinsame Bewerbung mit Nike Wagner um die Leitung der Bayreuther Festspiele scheiterte 2008. Schon 2007 hatte er sich von der inzwischen geschlossenen New York City Opera zurückgezogen, die er 2009 übernehmen sollte. 2010 heuerte er stattdessen am international nicht sonderlich bedeutenden Teatro Real in Madrid an. Hier legte er sich wieder mit vielen Würdenträgern an, provozierte nicht immer geschickt, zog indes kompromisslos seinen Kurs durch. Das Teatro Real ist augenblicklich ein wirklicher Leuchtturm der Oper.

Gerard Mortier, der in der Nacht zum Sonntag in Brüssel seinen Kampf gegen den Krebs verloren hat, hat beides erlebt, die Liebe und die Tränen – bei dem, was ihm das Höchste war und wo sein geisteshelles Vermächtnis noch lange, lange nachwirken wird: in der Oper.