Theater-Kritik

Früher Brecht im possierlichen Guckkasten

Sebastian Sommer inszeniert „Hans im Glück“ am BE

Jeder kennt „Baal“ von Bertolt Brecht, das weltberühmte Skandalstück über einen so verführerischen wie asozialen Ego-Shooter. Doch „Hans im Glück“? Ist eher als Märchen bekannt. Ist aber auch ein fast fertig formuliertes Stück vom 21 Jahre jungen Brecht. Und wie „Baal“ nebst anderen dramatisch-frühgenialen Unfertigkeiten eins aus dessen postpubertärer Schreibwerkstatt, in der er wie verrückt und kalkuliert spektakulär vornehmlich das exzentrische, auf anarchische Entgrenzung erpichte antibürgerliche Ich feierte.

Mit „Baal“ wollte Brecht endlich groß rauskommen, schickte das Skript an mehrere große Bühnen, auch an Alfred Kerr und Max Reinhardt. „Hans im Glück“ hingegen, quasi parallel zu „Baal“ verfasst, ließ er auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden.

„Er ist etwas dumm, aber tut alles, ist stark, ist ein guter Mensch“, heißt es über Hans im Stück. Ein durch und durch naives Hascherl in ländlicher Idylle, in der er erschütternd wehrlos auf lauter böse Menschen trifft, die dem bäuerlichen Simpel alle irdischen Güter abluchsen, bis ihm bloß noch das nackte Leben bleibt. „Jetzt ist kein Mangel mehr“, sagt er am Ende verloren glückselig träumend unterm Sternenzelt. Hans ist ein wehrlos Verlorener, permanent zu seinem Nachteil Manipulierter in einer total rationalen Ego-Gesellschaft. Also ein Anti-Baal. Und ein derart weltentrückt passiver Gutmensch passte nicht in Brechts Theater, das eine Welt umkrempeln wollte.

„Hans im Glück“ wurde anno 1998 in Hamburg freilich ohne nachhaltige Wirkung uraufgeführt. Jetzt kam die Mär im Studio von weiland Brechts Berliner Ensemble heraus, wo sie hingehört, schon aus theaterhistorischer Sicht. Der noch ganz junge Brecht als Träumer, aber auch als hellsichtiger Menschenkenner und starker Poet dazu. Seine Dichtung wird auf jeden Fall bleiben, wenn auch seine Dramen in den Zeitläuften allmählich verblassen werden – wie sein edel-ruppiges Bilderbogen-Rührstück vom vermeintlich glücklichen Hans, das Jungregisseur Sebastian Sommer jetzt als fantasievollen, minimalistisch-spielerischen Comic in possierlicher Guckkasten-Ausstattung von Maria-Elena Amos aus tiefer Versenkung holte. Mit dem schmächtigen, blauäugig bittersüßen Strahlemann Peter Miklusz in der Titelrolle. Und einem herrlich slapstickhaft agierenden Ensemble nebst jazziger Volksmusik (Tenorhorn, Gitarre, Harmonium, Schlagzeug).

Ein aufschlussreicher, dabei anrührender, dennoch cool-witziger Blick auf den frühen Brecht.

Berliner Ensemble (Pavillon), Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Termine: 10., 14., 24. und 29. März. Karten: 284 08 155