Konzert

Forever young – im Saal und auf der Bühne

Die Backstreet Boys sind die erfolgreichste Boyband der Welt. In Berlin beweisen sie es

Der dicke, alte Mann sitzt immer noch im Gefängnis. Und seine jungen Knaben, mittlerweile sind sie auch zwischen 34 und 44 Jahre alt, müssen wieder ran. Die Backstreet Boys spielen in der O2 World. Lou Pearlman, der Manager, der ’N Sync und eben die Backstreet Boys erfunden hat, hockt in seiner Zelle. Den Fans in Berlin ist das egal. Sie feiern so, als ob die 90er-Jahre für immer wären.

Unter dem Kreischen von 15.000 Fans gehen sie um kurz nach 21 Uhr auf die Bühne. In weißen Anzügen. Mit rotem Bühnenbild. Howie, AJ, Nick, Brian und Kevin. Das waren die Gesichter, die in jedem Mädchenzimmer hingen. Sex-Symbole für Girls, die noch nicht mal ahnten, was Sex ist. 100 Millionen Platten. Erfolgreichste Boyband der Welt.

2014 gibt es keine Boybands mehr. Jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Keiner interessiert sich mehr für Synchrontanz, keiner für fünfstimmigen Liebesschwur. Die modernen Boybands heißen Mumford & Sons oder Kings of Leon. Nicht gemacht, sondern selbst gegründet. Der moderne Gegenentwurf zum Vollplayback-Inferno der 90er-Jahre. Und sie sind trotzdem gekommen. Die O2 World ist randvoll mit Frauen, die in den 90er-Jahren ihre Blüte erlebten. 23 Songs hören sie heute Abend. Vier Outfits sehen sie mindestens.

Die Backstreet Boys haben ein neues Album herausgebracht letztes Jahr. „In a World Like This“. Aber wen interessiert das? Als dritten Song spielen sie „Incomplete“. Auch schon ein Spätwerk. Neun Jahre alt, Gänsehaut wie beim ersten Bacardi-Cola. AJ lässt die rechte Hand in Lederhandschuhen von links nach rechts wie auf Schienen fahren. AJ, der Rebell der Band. Der Ex-Junkie, Ex-Alkoholiker. Der mit den meisten Tattoos. Und der besten Stimme. Dann den Zeigefinger. Kevin steht an einem Keyboard, das gar nicht angeschlossen ist. Kevin war und ist immer noch der tiefste der Backstreet Boys. Inhaltlich, optisch. Der Undurchschaubare. Der Mittelscheitelboy mit den dunklen Augen. Der Einzige, der die Backstreet Boys verlassen hat. Jetzt steht er wieder oben. Weil Dollars eben Dollars sind.

Nick spielt auf einer nicht gespielten Gitarre. Es gibt keine Band wie bei Rihanna, Beyoncé, wie bei allem, was sich jetzt Pop nennt. Die Backstreet Boys treten als Backstreet Boys auf, nicht als Backstreet Boys mit Band. Sie singen live. Das hört man in der O2. Und sie singen gar nicht schlecht. Sogar richtig gut. Jeder Schritt ist eine Militär-Parade. Auf die Sekunde getimt. Nick, der blonde Engel, spricht jetzt deutsch. „Berlin, it is so good to be back in the country that started…“, da kommt eine Pause. Was hat Deutschland jetzt angefangen? „Den Krieg?“, fragt der Nachbar in Block 203. „Das Dosenpfand?“, der Nächste. „… the country that started the Backstreet Boys. Isch liebe Disch. Du bist sehr schon. Du bist wunderbar.“ Und wie Nick das sagt, ist die ganze Halle so glückverzückt, wie Dr. Motte bei der ersten Love-Parade.

Am besten sind die Backstreet Boys, wenn sie tanzen. Wenn sie die Fäuste auf die Brust schlagen, die Hände in den Schritt werfen. Wenn sie die Träume der 15-Jährigen sind, die mittlerweile 35 sind. Als Zugabe gibt es „Everbody (Backstreet’s Back)“, den Song, zu dem sie Michael Jacksons „Thriller“-Video kopiert haben. Sie tragen Tanktops. Nicht mehr topless wie vor 20 Jahren. Die Boys sind Männer geworden. Der Sixpack unterm Hemd ist dem Sixpack auf dem Tisch gewichen. Sie tanzen immer noch so synchron, so gleichgeschaltet wie 1995. Und die Fans klatschen genauso. Eine Art von Trauer ist in der O2 zu spüren. Eine Trauer, nicht altern zu wollen und doch stetig Falten zu bekommen. Dennoch sind die Fans glücklich. Die Backstreet Boys sind eben Boys. Für immer.