Klassik-Kritik

Verdis Requiem und das Pfeifen der Dampflok

Murry Sidlin erinnert an das Musikleben in Theresienstadt

Während das „Defiant Requiem“ verklingt, geht ein Musiker nach dem anderen ab, der Chor verlässt leise die Empore im Konzerthaus, irgendwann geht auch Dirigent. Schließlich ist die Bühne leer, auf der Leinwand erscheint der Hinweis, einen Augenblick lang zu schweigen. Alle schweigen. Nichts passiert. Nach einer gefühlten Ewigkeit wagen einige Menschen einen zögerlichen Applaus. Aber weder die Musiker, noch der Dirigent kehren zurück, um sich ihren verdienten Applaus abzuholen. Die leeren Plätze auf der Bühne sind eine Botschaft. Eine starke Botschaft. Noch nie habe ich so viele berührte Zuhörer schweigend den Konzertsaal verlassen sehen.

Der amerikanische Dirigent Murry Sidlin erinnert mit seinem Projekt „Defiant Requiem“, dem trotzigen Requiem, an das Musikleben im Ghetto Theresienstadt. In dem „Vorzeigelager“ der Nazis sammelte der tschechische Dirigent Rafael Schächter einst hunderte jüdische Häftlinge um sich, um Verdis Requiem, eine katholische Totenmesse, aufzuführen. Sidlin erzählt mit der Musik, Filmsequenzen und Zeitzeugeninterviews die Geschichte dieser Aufführungen. Mit Iris Berben und Ulrich Matthes hat er dafür charismatische Sprecher gewonnen.

Sidlin dirigiert kein Requiem für die Toten, sondern für die Überlebenden. Es ist voll trotziger Lebendigkeit wie etwa im Dies irae (Tag des Zornes) – und manchmal wird das Requiem auch vom amerikanischen Showpathos überwältigt. Der Dirigent selbst wird zum Moderator, und manche Aussagen werden mehrfach wiederholt, bis es wirklich jeder verstanden hat. Und Signale einer Dampflok schrillen durch den Saal, am Ende begleitet von Filmsequenzen des Abtransports. Das Konzerthausorchester, die Vokalakademie und der Chor des Jungen Ensembles Berlin musizieren geradeheraus, wohingegen sich die vier Solisten weit mehr in Verdis Opernton baden. Steven Tharp ist ein angenehm strahlender Tenor, Aga Mikolaj führt ihren Sopran überaus sinnlich vor.

Beim Agnus Dei wird einem erschreckend bewusst, wie sehr wir Nachgeborenen immer noch von der Nazipropaganda beeinflusst sind: von einer Geschichtsschreibung, die den Juden keine andere Rolle zugesteht, als die des wehrlosen und gar willigen Opfers. Zur Musik vom „Lamm Gottes“ lässt Murry Sidlin Filmausschnitte aus „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ von 1944 einspielen. Lachende Kinder, fröhliches Miteinander. Dass in Theresienstadt Konzerte stattfanden, sehen wir üblicherweise nur als Beweis dafür, dass die Opfer vor ihrer Ermordung auch noch für Propagandazwecke missbraucht wurden. Sidlin lässt die Geschichte mithilfe der Zeitzeugenberichte jetzt andersherum erzählen und zeigt, dass die Häftlinge sich mit der Musik auch den Tätern entgegengestellt haben. Im Musizieren bewahrten sie eine Menschlichkeit und Würde, die ansonsten ringsum bereits getilgt war. Das „Defiant Requiem“ ist ein beachtliches Projekt.