Konzertkritik

Und dann fiept ein Hörgerät mitten in die Sinfonie

Turgan Sokhiev entdeckt Weinberg und Roussell

Irritiert kräuseln sich die Mienen der Kontrabassisten. Vergeblich suchen die Musiker, die seltsamen Publikumsgeräusche zu orten. Es ist ein Hörgerät, das da im Zuschauerdunkel der Philharmonie sein Unwesen treibt. Es winselt, fiept und zirpt in höchsten Frequenzen. Ein ungewollter Hauch Neuer Musik dringt auf diese Weise in Mieczysław Weinbergs 4. Sinfonie op. 61. Eigentlich ein neoklassizistisches Werk, das der überaus produktive polnisch-russische Komponist in die frühe Moderne gepflanzt hat. Gekonnt eifert er darin seinen Vorbildern Schostakowitsch und Bartók nach. In den Außensätzen krallen und kneifen mechanische Rhythmen, dazwischen bleibt viel Raum für erlesene Bläsersoli und schmiegsame Intimitäten. Tugan Sokhiev und das Deutsche Symphonie-Orchester bündeln diese Musik blitzgescheit, werten sie auf, machen Appetit auf Weinbergs übrige 21 Sinfonien.

Auch der Franzose Albert Roussel feiert an diesem Abend eine Wiederauferstehung. Seit Jahrzehnten fristet er sein Dasein im breiten Schatten von Debussy und Ravel. Vollkommen unverdient, wie seine zweite Suite aus dem Ballett „Bacchus et Ariane“ vor Ohren führt: Eine sogartige, originell schillernde Musik ist das, das späte Meisterwerk eines genialen Außenseiters. Und Chefdirigent Sokhiev bleibt sich einmal mehr unbeirrbar treu. Unaufhörlich gräbt er nach vergessenen Schätzen und vernachlässigten Komponisten. Beethoven, Brahms und Bruckner überlässt er derweil anderen. Das Publikum strömt Sokhiev trotzdem wieder reichlich zu. Diesmal vermutlich wegen Saint-Saëns’ virtuosem Cellokonzert Nr. 1 op. 33. Erregt lässt Solist Johannes Moser seinen Oberkörper auf der Sitzbank schwanken. Schon vor dem ersten Einsatz blitzt der 34-Jährige wie unter Stromschlägen. Bei Schlussakkorden schleudert der einstige Tschaikowsky-Wettbewerb-Gewinner seinen Bogen mit größter Inbrunst in die Luft. Doch auch wenn sich Moser für Saint-Saëns noch so spektakulär in Pose wirft – es ist eher sein schlanker, cremiger Ton, der verblüfft. Seine leichtfüßige Technik und die luftigen Kantilenen mischen sich hervorragend ins frisch frisierte DSO.

Moser und Sokhiev geben ein vertrautes Paar, eilen Hand in Hand, zwinkern sich humorvoll zu, fordern sich heraus, drücken zuweilen kräftig aufs gemeinsame Gaspedal. Dank der Rekordtempi in den Außensätzen bleibt ihnen noch Zeit für eine nette Überraschung: Moser schenkt dem begeisterten Publikum Saint-Saëns’ „Schwan“ aus dem „Karneval der Tiere“. Keinesfalls selbstverständlich übrigens, dass das DSO ihm so bereitwillig folgt. Normalerweise knausern die Orchester, wenn es um begleitete Zugaben geht. In dieser Hinsicht können andere Berliner Klangkörper vom DSO durchaus lernen. Nach dem letzten verhauchten Akkord setzt es sehnsüchtige Seufzer in Block A. Die hübsche Harfenistin, die Moser mit ihren anmutigen Arpeggien bezirzt hat, erhält vom Cellisten einen zärtlichen Kuss.