Blue Man Group

Erfolg in Blau

Über drei Millionen Menschen haben die Blue Man Group in Berlin bereits gesehen. Nach zehn Jahren gibt es jetzt eine überarbeitete Show

Sie sind blau, schweigen, trommeln auf PVC-Rohren und sind extrem erfolgreich: Seit zehn Jahren spielt die „Blue Man Group“ in Berlin, mittlerweile haben über drei Millionen Menschen die Show am Potsdamer Platz gesehen. Zum Vergleich: Eine erfolgreiche Produktion des Friedrichstadt-Palastes hat – auch dort wird ein Stück en suite gespielt – rund eine halbe Million Zuschauer. Was also macht die drei blauen Männer so erfolgreich? Versuch einer Erklärung.

Wer zu spät zur Vorstellung kommt, der wird gefilmt, auf eine Großbildleinwand projeziert und mit einem „Zuspätkommer“-Ruf aus dem Off empfangen. Die Schadenfreude der pünktlichen Besucher aber hält sich in Grenzen, schließlich gibt es eine kollektive Vereinbarung: Wir sind alle hier, um uns zu amüsieren. Der Wille zum Vergnügen ist im Stage Bluemax Theater greifbar. Die Show beginnt fast unmerklich mit zweisprachigen Aufforderungen auf einem Text-Laufband – und das Publikum spricht oder klatscht mit, je nachdem, was erwartet wird.

Die falsche Person auf der Bühne

Mitmach-Theater der speziellen Art: Die blauen Männer steigen über die Stuhlreihen und suchen nach einer Frau, die sie auf die Bühne begleitet. Wegschauen hilft nicht, aber wer deutlich signalisiert, dass er keinesfalls will, den verschonen die blauen Männer, erzählt Jens Fischer. Der muss es wissen. Er ist der musikalische Leiter und als einer der Musiker allabendlich dabei. Rund 2000 Vorstellungen hat Fischer in Berlin gespielt.

Und einmal, sagt Fischer, hätten „die Blauen“, so nennt er die Performer, die auch nach der Show, wenn sie sich im Foyer unters Publikum mischen, ihrer Rolle treu bleiben und nicht reden, versehentlich einen Mann auf die Bühne geholt. Das funktionierte nicht so gut, weil die Essensszene, für die ein Zuschauer sich zu den Performern an den Tisch setzt, den Charakter eines „first date“ hat – und es charmanter rüberkommt, wenn die blauen Männer mit einer leicht verunsicherten Frau flirten.

Die „Blue Man Group“ sind drei schwarzgekleidete Menschen mit leuchtend blauen Köpfen. Sie entdecken die sie umgebende Welt wie Kinder. Staunen über die Klänge, die sie auf ihren Plastikrohren erzeugen können. Probieren zaghaft etwas aus. Die Motive werden von der Band aufgenommen, die in zwei über der Bühne angebrachten Würfeln rockt.

Die blauen Männer trommeln, einer schüttet Farbe auf das Instrument, es spritzt bis in die ersten Reihen, wo die Zuschauer mit Plastikponchos geschützt sitzen. Sie gehen mit einer kleinen Kamera durch die Reihen und filmen die Mundhöhle eines Gastes. Sie suchen einen weiteren „Freiwilligen“, der auf die Bühne geholt, eingekleidet, behelmt und mit Farbe beschmiert gegen eine Leinwand geworfen wird. Das so entstandene Kunstwerk darf der Besucher natürlich mitnehmen.

Angefangen hat alles in einem kleinen Kellertheater in New York. Da standen die Erfinder Chris Wink, Matt Goldman und Phil Stanton noch selbst als Blue Man auf der Bühne, heute machen sie das nur noch ganz selten. 1991 kam die Show im engen, lediglich 299 Plätze fassenden Astor Theatre heraus. Shows in Boston, Chicago und schließlich in Las Vegas folgten, aus der Kreativgruppe war bald ein Unternehmen mit vielen Hundert Mitarbeitern geworden. Ein schönes Beispiel, wie man aus einer verdammt guten Idee Kapital schlagen – und eine Lebensaufgabe machen kann. Nur einer der drei hat sich etwas zurückgezogen: Matt Goldman hat mit der Blue School eine Privatschule gegründet, die anderen kümmern sich nach wie vor ums Unternehmen. Es gibt sogar eine Show auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik.

Neue Songs, neues Design

Die Show ist ein Cocktail aus Rockkonzert und Performance, verfeinert mit überraschenden visuellen Effekten, archaischer Trommelei, einem Schuss Buster Keaton und ein paar Spritzern Kulturkritik. Ungefähr so, als wenn man Laurie Anderson und die Einstürzenden Neubauten in ein Glas schüttet und diesem Gemisch einige Prozente Gedankenschwere entzieht. Damit es massenkompatibel wird.

Deutlich unterscheidet sich die „Blue Man Group“ von anderen Trommelshows, die auf einen gedanklichen Überbau verzichten – und deren Hochphase vorbei zu sein scheint. Während die blauen Männer noch immer trommeln. Manche Nummer wirkt zwar ein bisschen wie aus einem vergangenen Jahrzehnt, aber das soll sich ab heute ändern, wenn die überarbeitete Show Premiere hat. Viel wird im Vorfeld von den Machern nicht verraten, aber es gibt neue Songs und ein moderneres Design.

Der Erfolg der Show in Berlin ist sicher auch dem boomenden Tourismus zu verdanken. 60 bis 70 Prozent der Besucher kommen nicht aus der Hauptstadt, schließlich ist die Produktion auch für Menschen verständlich, die kein Deutsch sprechen – es ist ein bisschen wie bei einem Stummfilm. Und die Show in Berlin ist mittlerweile die einzige in Europa, ein verkaufsförderndes Alleinstellungsmerkmal. Sie lief auch mal in Oberhausen und Stuttgart, konnte sich aber dort nicht behaupten. Sie passt halt besser in eine junge, hippe Metropole.