Fernsehen

Die etwas rätselhafte Moderatorin

Bei den Tagesthemen steht Pinar Atalay vor der Premiere

Als Pinar Atalay 18 Jahre alt war, arbeitete sie in ihrer Boutique „Supreme“, die sie nach dem Abitur in Lemgo eröffnet hatte. Sie lauschte stundenlang Moderatorengeplänkel und Hitparadensongs im Radio. Wenig später sortierte sie Pullover nicht mehr nach Farbe, drängte Kundinnen nicht zu Rundhals- oder V-Ausschnitt. Sie begann ihren ersten Job bei Radio Antenne Münster. Saß ab fünf Uhr morgens hinter dem Mikrofon. Die Tür ins Mediengeschäft, sie hatte sie sich selbst geöffnet und war hindurchspaziert.

An diesem Freitag moderiert Pinar Atalay zum ersten Mal die „Tagesthemen“. Viel höher kann man als Nachrichtenmoderatorin auf der Karriereleiter nicht klettern. 35 Jahre alt ist sie heute, seit vielen Jahren in Hamburg zu Hause, mit Zweitwohnung in Berlin. Sie ist die große Rätselhafte unter den deutschen Nachrichtenmoderatorinnen. Sie ist nicht offensiv-schön wie Judith Rakers, nicht rundherum sympathisch wie Caren Miosga. Atalay ist vor allem hochprofessionell. Sie ist keine, mit der es eine Runde Extra-Kuscheln gibt, weil der Politiker ein freundliches Augenzwinkern für sie reserviert hat. In der „Phoenix-Runde“, die sie seit 2010 moderiert, kann man studieren, wie sie sich den Respekt gestandener Politik-Großsprecher durch Faktenwissen plus Selbstbewusstsein erarbeitet hat.

Politik war immer schon ein Thema im Leben von Pinar Atalay. Als Kind schaute sie gemeinsam mit ihrem Vater Nachrichten im heimischen Wohnzimmer, organisierte in der Schule Anti-Kriegs-Demos und lud den Schriftsteller Bernhard Schlink zu einer Diskussion über seinen NS-Zeit-Bestseller „Der Vorleser“ ein. Selbst wenn sie nicht vor der Kamera steht, etwa für das „Plusminus“-Magazin im Ersten, verfolgt sie die aktuelle politische Lage. „Als Journalistin hat man eben nie so richtig frei“, sagt sie, und es klingt nicht, als würde sie das sonderlich bedauern.

Dass sie privat gerne liest, lässt sie sich noch entlocken. John Irving, Peter Scholl-Latour, den ein oder anderen Krimi. Schnell ist man wieder beim Job, dem neuen. Sie verspüre „eine positive Anspannung“ vor der Premiere, sagt Atalay. Von „Demut“ hat sie in einem anderem Interview gesprochen — ein Begriff, der nun wirklich überhaupt nicht zu ihr passen mag. Aber warum sich auch unnötig klein machen?

Pinar Atalay redet druckreif ohne „ähs“ und „öhs“, sie kann über Koalitionsvertrag, Rentenbeiträge und PKW-Maut ausführlich diskutieren und verlangt von sich selbst nicht weniger als Perfektion im Beruf. „Ich bin niemand, der vor Wut in die Tischkante beißt, wenn etwas nicht geklappt hat. Aber ich werde schnell ungeduldig, wenn es nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe“, sagt sie.