Albumrelease

Verneigung vor der Weiblichkeit

Die Welt ist seine Bühne: Pharrell Williams hatte zuletzt zwei Sommerhits gleichzeitig. Heute wird sein Album für Frauen veröffentlicht

Wie ein engelsgleicher, niemals alternder Gott der Antike schwebt Pharrell Williams von Geigen begleitet auf seinem zweiten Album „Girl“ zu seinen Hörern herab. Ach was. Er nimmt sie mit nach oben in den Olymp. Katapultiert die Sterblichen in unsterbliche Sphären. „In honor of the groove and all who’s surrendered to it/ We say thank you, and we take it back“ hören wir eine Frau im Eröffnungsstück „Marilyn Monroe“ sagen. Wir wollen den Groove ehren, uns ihm hingeben.

Der Groove ist die neue alte Göttlichkeit der afroamerikanischen Tanzmusik. Williams hat den Groove wiedergefunden. Disco, Funk und Falsett. Seit den Jackson Five haben wir nichts derart verspieltes gehört. Diese richtig tief in die Knie gehenden Stratocaster-Akkorde. Diese hohe Stimme von Williams. „Girl, Girl, Girl, Girl, Girl, Girl, can’t another good boy keep it this thorough.“ Williams ist Odysseus und Sirene gleichzeitig. Verführer und Verführter. „Girl“ ist Williams’ Verneigung vor der Weiblichkeit. Und das ist keine Pose, im Sinne von, ja, ich tu jetzt so, als feiere ich die Frau, insgeheim will ich aber, dass sie ausschließlich unten liegt. Nein. „Girl“ ist die absolute Hingabe. Das Rollenbild in der afroamerikanischen Popkultur hat sich umgekehrt.

Keine Frage der Hautfarbe

Williams trägt einen Westwood-Mountie-Hut. Was für einen Hut? Das ist ein Hut, besser und größer als Peter Dohertys komplette Hutsammlung. Die weißen Amerikaner waren einst besessen davon, wie die farbigen Avantgarde-Künstler zu zu werden. Jack Kerouacs „On The Road“ ist die Chronik dieser Sehnsucht. Die Beatniks waren durchzogen davon. Sie bewunderten Dizzy Gillespie, Cannonball Adderley und Duke Ellington. Lange vor der Aufhebung der Rassentrennung 1964 durch den damaligen Präsidenten Lyndon B. Johnson wurde die Frage der Hautfarbe zumindest für einen Abend lang egal, in den Jazzclubs und Bars, wo weiß und schwarz im Exzess bedeutungslos wurden. Hauptsache man war drauf. On the jazz. On the groove. Womit wir wieder bei Williams wären.

Jedenfalls ist es so, dass gerade jeder Mann auf der Welt eigentlich Pharell Williams sein will. Und jede Frau will von ihm verführt werden. Pharrell Williams ist der einzige Künstler zur Zeit, dessen Bühne die ganze Welt ist. Er schreibt also mit Daft Punk und Nile Rodgers den Mörder-Disco-Song „Get Lucky“ und spielt dann zusammen mit Stevie Wonder, Nile Rodgers und Daft Punk bei den Grammys. Er schreibt mit Robin Thicke „Blurred Lines“, einen Song, so unendlich gut und groß, dass man ihn noch in drei Jahren als Ohrwurm behalten haben wird. Williams beherrscht den Pop gerade, wie ihn lange keiner verstanden hat.

Er hat sich den Weg an die Spitze mit einem unendlichen Fleiß erarbeitet. Angefangen als Produzent, von Kelis Debüt „Kaleidoscope“ zum Beispiel, schrieb er sich mit Songs für Britney Spears, Madonna nach oben. Er arbeitete mit Jay-Z, Gwen Stefanie, Kanye West. Produzierte Snop Doog, Timberlake und Nelly. Mit N.E.R.D. lieferte er einen Hip-Hop-Gegentwurf, so crossover, so anders, so funky, so rock. Williams ist jetzt oben angekommen. Wer war denn der letzte, allumfassend geliebte, große Super-Mega-Sonstwas-Star. Williams hat die Strahlkraft und Songs von einer solchen Güte, die vielleicht zuletzt Michael Jackson auf seinem Höhepunkt hatte.

Für seine Album „Girl“ holte er sich sie alle in Studio: Mit Alicia Keys im Duett „Know Who You Aare“ singt er für die Liebe und gegen den Alltag an. Er holt seine Freunde von Daft Punk in das wieder von Geigen eingeleitete „Gust Of Wind“. Und mit Miley Cyrus führt er natürlich einen klatschenden Sextanz auf dem Motorrad auf. „You wanna ride it, my motorcycle“ singen sie zusammen in „Come Get It Bae“, und der Pharrell sagt zur Bestätigung danach noch „I can give you dirty looks.“ Der 40-jährige Pharrell zur 21-jährigen Miley.

Hans Zimmer, der große deutsche Filmkomponist in Hollywood, hat natürlich die Streicher arrangiert. Justin Timberlake singt sich durch die Konfetti-Trompeten von „Brand New“ während Timbaland die Beatbox beisteuert. Kelly Osbourne singt bei „Marilyn Monroe“ Backgroundstimmen ein und in „Lost Queen“ – so etwas wie der 2014-Version von „The Lion Sleeps Tonight“, weil es diesen doo-wop hat, dieses Mmm-Summen im Hintergrund und natürlich die schweren Percussions und die afrikanischen Rasseln sowieso – versteckt er noch kammerspielige Interlude „Freq“. „Your temple should buzz/ From the vibration of love“, geht es da zum absteigenden Bienensummen der Geigen ins Ohr. Und wenn sich einer auskennt mit Buzz, mit Gush, mit der Vibration of Love, dann Pharrell Williams.

Pharrell Williams Girl (Columbia)