Fernsehen

Vor dem Finanzamt wird gewarnt

Wo die Steuern drohen, ist auch der Tod nicht weit: „Mundtot“ heißt Wilsbergs neuer Fall

Als die Gründerväter der Bundesrepublik überlegten, wo um Himmels Willen denn in Zukunft die Hauptstadt des westlichen Deutschlands sein sollte, da ja Berlin als Capitale ausfiel, haben sie mit Bonn einen entsetzlichen Fehlgriff getan. Wir wollen die Diskussion jetzt nicht wieder aufleben lassen. Wir weisen nur darauf hin, dass sie, wenn sie jene Stadt zum Regierungssitz hätten machen wollen, die im Westen die deutscheste ist, natürlich Münster hätten nehmen müssen. Das konnten sie nicht wissen. Das wissen wir ja auch erst seit einiger Zeit. Seit es Professor Dr. Boerne und Kommissar Thiel im Fernsehen gibt und den detektivisch hyperaktiven Antiquar Georg Wilsberg.

Das Münster, durch das Jan-Josef Liefers (Boerne), Axel Prahl (Thiel) und Leonard Lansink (Wilsberg) radeln, rasen, schnorren, hat natürlich mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Mit dem, was man gemeinhin unter Deutsch rubriziert, allerdings ziemlich viel.

„Mundtot“ ist das beste Beispiel. „Mundtot“ ist der neue Fall, der Wilsberg, dem ewig finanzklammen Bücherfreund, vor die Füße fällt. Er spielt in einer Einrichtung, um deren perfektes Funktionieren uns die halbe Welt beneidet. Im Finanzamt. Die Dame, um die der Finanzbeamte Ekki Talkötter (Oliver Korittke), Wilsbergs ewiger Nebendarsteller, buhlt, heißt Yvonne und trägt ein rotes Wirtschaftswunderkleid. Was nicht daran schuld ist, dass sie, nachdem sie Ekkis Angebot, mit ihr Klopse essen zu gehen in der Kantine, abgelehnt hat, aus dem Fenster des Finanzamtes in einem öden Innenhof zu Tode stürzt.

Und damit stürzt „Mundtot“ tief hinein ins muffige deutsche Bürokratenwesen. Es geht um Steuerhinterziehung und fortgesetzten Bankenbetrug, um Erpressung, Korruption auf allen Ebenen und die Förderung eines Polizeisportvereins. In einer Welt spielt sich das ab, die jeder kennt, weil in den Vorzimmern dieser deutschen Vorhölle jeder schon mal schmorte. Wo der gemeine staatlich bestallte Untertan ein Spielball höher stehender Wesen ist, die allesamt Brillen und Anzüge auftragen, die man in den bundesdeutschen Sechzigern noch schick fand. Eine Welt, in der Menschen ihre Karrieren auf der Poststelle beenden müssen, wenn sie beim lustigen Eine-Hand-wäscht-die-andere-Spiel nicht mitmachen wollen. Den Fluren sieht man an, wie sie rieche. Ekkis Dienststellenleiter wohnt in einem Doppelgänger des Bonner Kanzlerbungalows. Überhaupt wirkt Wilsbergs Münster wie die Großkopie eines deutschen Mittelzentrum aus dem Märklin-Katalog.

Das kann böse enden und die deutsche Gemütlichkeit aufkratzen. Dann lacht man sehr über das Durchschnittsdeutsche, das man sieht, was eine reinigende Wirkung entwickelt. Wilsbergs Weihnachtsepisode zum Beispiel hatte dahingehend Weltniveau. „Mundtot“ kommt leider nicht über die Zweite Bundesliga der deutschen Fernsehspielkultur hinaus. Immer noch besser als Münsters legendärer Fußballklub. Gründungsmitglied der ersten Liga, spielt nur noch in der dritten Fußballetage. Er heißt übrigens Preußen.

„Wilsberg – Mundtot“: ZDF, 1. März, 20.15 Uhr