Literatur

Wer Gruben gräbt, fällt selbst hinein

Berliner Autor Salah Naoura erzählt aus dem Leben einer schrecklich perfekten Familie

Kaum waren die Schluffis aus der Mode, fielen die Leistungsträger ins Kinderbuch ein. Streber und Angeber hat es natürlich immer gegeben, die Hochbegabten aber waren neu, als Helen Cresswell (1934-2005) Ende der 70er-Jahre erstmals von den Bagthorpes erzählte, einer mit drei Überfliegern und einem „ganz gewöhnlichen Jack“ gesegneten Familie. Creswells Bücher sind, weil die Verlage, statt in künftige Klassiker zu investieren, lieber dem nächsten flüchtigen Trend nachklappern, leider so gut wie vergessen, die Bagthorpe-Kinder aber gibt es noch – nur sind sie mittlerweile Bagthorpe-Eltern, haben ganz gewöhnliche Henriks zum Sohn und finden sich, von Salah Naoura versammelt, unter anderem Namen an einem deutschen Küchentisch wieder. Dort rühmen sie mit Blick auf den „immer perfekt“ gemähten Rasen die eigene Großartigkeit, denn die Grubers – Vater, Mutter, Tochter und Henrik, der anfangs noch artige, nie aber großartige Sohn – halten sich allen Ernstes für „die großartigste Familie der ganzen Stadt“. Dass dieses Selbstbild Löcher bekommen wird, macht der Berliner Autor Salah Naoura allerdings von der ersten Seite an klar: Bevor er auf die Epoche der vermeintlichen Großartigkeit zurückblickt, lässt er Henrik durch einen mit tiefen Löchern übersäten Garten tappen und schließlich gar in eine dieser von den Grubers selbst gegrabenen Gruben fallen. „Hilfe! Ich will hier raus!“ (Dressler, 160 S., 12,95 Euro) ist ein durchaus doppeldeutiger Titel.

Bei Salah Naoura will also etwas gefunden oder ausgebuddelt werden, und zu den Vorzügen dieser schmalen Geschichte gehört, dass sie so ziemlich alle in einem solchen Satzzusammenhang üblichen Objekte irgendwann aufruft: Die Grubers haben sowohl eine „Leiche im Keller“ als auch einen „Schatz“ zu „heben“; wie sich herausstellt, läuft beides sogar auf dasselbe hinaus. Die Rolle der „Leiche im Keller“ kommt dabei Oma Cordula zu, die man bisher, ohne dass Henrik davon gewusst hätte, in einem Altersheim vergraben hatte. Der „Schatz“ wiederum besteht aus drei im Gruber-Garten verbuddelten Goldbarren, von denen Oma Cordula weiß und die sie wie ein Stück rohes Fleisch in den Vorortkäfig einer Familie wirft, die ihre ganz gewöhnliche Raubtierhaftigkeit bisher verleugnet. Gold aber fördert, wie jeder weiß, die schlechten Seiten des Menschen zutage. Wie bei Oma Cordula aus.

Tatsächlich wünschte man sich, die Elterngeneration käme in diesem Buch genauso zeitgenössisch rüber. Doch hier hat Salah Naoura, Jahrgang 1965, eher von der eigenen als der heutigen Kindheit geborgt: Väter, die Modelleisenbahnen lieben, und Kittel tragende Mütter sind im 21. Jahrhundert ja verhältnismäßig selten – die Spießigkeit der vermeintlich Perfekten sieht heute nach allem Möglichen, nur nicht nach Spießigkeit aus, und das können auch Achtjährige erkennen. Den Rest erkennen sie sowieso.