Konzert

Sound für die Nordkurve

Konfetti und Nebelfontänen: Jared Leto und seine Thirty Seconds to Mars treten in Berlin auf

Er geriert sich als Rock-Messias mit pompöser Geste. Er stellt sich gern zur Schau. Er versteht es, größte Menschenmassen für sich einzunehmen. Jared Leto ist einerseits ein erfolgreicher Schauspieler, der sich für seine Rolle an der Seite von Matthew McConaughey im Film „Dallas Buyers Club“ am kommenden Wochenende Hoffnung auf einen Oscar als bester Nebendarsteller machen darf. Einen Golden Globe hat er dafür schon bekommen.

Andererseits ist der 42-Jährige aber auch ein Rockmusiker, der sich mit seiner Band Thirty Seconds To Mars in den vergangenen 15 Jahren mit gerade mal vier Alben an die Spitze des amerikanischen Mainstream-Rock gesungen hat. Und der sich einer hörigen Fangemeinde sicher sein kann, die ihm auf rauschhafte Weise huldigt. So auch am Dienstagabend in der mit mehr als 7000 Besuchern gefüllten O2 World.

Thirty Seconds To Mars sind ein bestens aufeinander eingespieltes Trio. Und eine ausgebuffte Showband. Sie inszenieren sich als ein bombastisches Gesamtkunstwerk aus Licht und Sound. Sie nutzen eine ausgefeilte Licht-, Ton- und Bühnentechnik, die das zeitweilige musikalische Mittelmaß kaschiert. Der Song „Birth“ steht am Anfang des aktuellen Albums „Love Lust Faith + Dreams“. Der Song „Birth“ steht nun auch am Anfang des Konzerts, das mit „Night of the Hunter“ langsam, aber stetig auf Touren kommt.

Als der Vorhang mit dem dreieckigen Bandlogo, das ein wenig wie das stilisierte A bei Aldi wirkt, zu Boden fällt, greifen gleißende Lichtfinger durch düsterblaues Bühnenlicht. Wabernde Elektrosounds, Breitwandgitarre und wummernde Trommeln legen den Teppich aus für Jared Leto. Er stellt sich in Pose. Er reckt die Faust Richtung Himmel. Er scheint vor Pathos zu vibrieren. Sein Bruder Shannon Leto thront zur Rechten auf seinem Schlagzeugpodest, zur Linken besorgt Gitarrist und Keyboarder Tomislav Milicevic den Rest. Ein Bassist im Hintergrund komplettiert die Live- Besetzung.

Jared Leto macht viel, und er macht dabei fast alles richtig. Egal, ob als Model für Edelmarken wie Hugo Boss, als Schauspieler in Hollywoodfilmen wie „Fight Club“ oder „Panic Room“, ob in Klatschspalten an der Seite von Cameron Diaz und Scarlett Johansson oder eben auf der Rockbühne. Schon als er 1992 in Los Angeles ankam, hatte er vor allem ein Ziel: eine Band zu gründen. Gelandet ist er zunächst in einer erfolgreichen TV-Serie („Willkommen im Leben“). Im Jahr 2000 hatte er seinen Durchbruch mit der Hauptrolle in „Requiem for a Dream“.

Treue Fangemeinde

Bereits 1998 gründete er zusammen mit seinem Bruder Thirty Seconds To Mars, inzwischen vielfach ausgezeichnet, platinveredelt und eine der gefragtesten Rockformationen. Vor allem: eine Band mit einer ausgesprochen treuen Fangemeinde. Die Show, dramaturgisch fahrig und unentschlossen, überzeugt durch eine seltene Einigkeit zwischen Bühne und Auditorium.

Das Konzert ist zunächst einmal eine sündhaft teure Lichtinstallation. Die ganze große Halle wird von Spots und Strahlern in immer neue Farben getaucht. Dafür bleibt es auf der Bühne oft seltsam dunkel. Kiloweise Konfetti, Nebelfontänen und mehr als 99 bunte Luftballons sorgen für Augenfutter und Thirty Seconds To Mars spielen sich durch jede Menge neue Stücke und ältere Titel, die die Zeit überdauert haben. Der konsequente Verzicht auf Videowände macht es in den hinteren Reihen freilich etwas schwer, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.

Der Sound ist ziemlich basslastig und die Musik erinnert immer wieder an eine spacige Variante von U2 mit einem hymnischen Schuss Muse, mit einkalkulierten Nischen, die erfolgreich zum Mitsingen und Mitklatschen animieren. „This Is War“ lässt Jared Leto die Menge skandieren. Es geht in dem Stück um den „Krieg“, den der Musiker gegen die Plattenfirma EMI führte. Es ging um Millionen. Leto hat gewonnen. „City of Angels“, die Hymne an Los Angeles, gibt es in einem Handy-Lichtermeer. „Conquistador“ wird ein einziges großes Gebet mit vielstimmigem Chor. Und bei einer akustischen Einlage am Ende eines kleinen Laufstegs, der mitten ins Publikum führt, singt er die Ballade „The Kill (Bury Me)“, die er, wie er betont, wie den Hit „Hurricane“ einst in Berlin geschrieben hat. 2009 lebte Leto wegen der Dreharbeiten zum Film „Mr. Nobody“ eine Zeit lang in Mitte.

Er erweist sich als charismatischer Entertainer, der zwischen den Stücken unentwegt redet, andauernd „I wanna see you jump!“ und „Make some noise!“ und „Scream!“ einfordert und seinen Fans immer wieder Lob und Dank zollt. Gern holt Leto Fans auch auf die Bühne. Er lässt sich von einer 12-Jährigen deutsche Schimpfworte beibringen. Er erzählt allen, die es noch nicht wussten, dass er für einen Oscar nominiert ist. Er schwärmt von Berlin. Und er begrüßt zwischendurch das Moderatoren-Duo Joko und Klaas in seiner Loge und lässt die beiden bejubeln. Klaas darf später sogar mit der Band Schlagzeug spielen.

Es ist durchaus faszinierend, wie diese eher schlichten, auf Nordkurven-Ho-Ho- Ho getrimmten Mitmach-Songs durch die imposante Hochglanzshowverpackung aufgewertet werden. Und wie ihnen Jared Leto für einen Moment Gewicht und Tiefe verleiht. Er ist ein Popmagier, der die Illusion eines großen Konzertabends heraufbeschwört.

Mit „Closer To The Edge“ geht es nach gut 80 Minuten schon in die Zielgerade. Aber da sind ja noch die Zugaben. Bei „Bright Lights“ darf Klaas tatsächlich ans Schlagzeug. Und versagt zweimal kläglich. Okay, soll komisch sein. Ist aber eine höchst überflüssige Einlage. Die Band verlässt die Bühne. Kehrt aber natürlich noch mal zurück für ein hymnisches „Up In The Air“, bei dem Jared Leto Dutzende Konzertbesucher auf die Bühne komplimentiert. Die Fans haben den Boden der Realität längst verlassen.