Kunst

Ost-West-Kontakte an der Mauer

Die Mona Lisa aus Warschau: Zur Wiederentdeckung der polnischen Künstlerin Ewa Partum

Es ist schon komisch, die Berliner Kunstszene hofiert gerade zwei alte Hippie-Mädchen. Die eine kommt aus dem Westen, die andere aus dem Osten. Und beide leben schon Jahrzehnte in der Stadt. Kennen sich hier bestens aus, jetzt entdeckt man beide wieder. Dorothy Iannones stürmt gerade mit ihren Werken die Berlinische Galerie mit wahrer Flower Power-Energie. Hunderte drängten sich zur Eröffnung ins Kreuzberger Museum, jung wie alt, aus allen Milieus. Schon erstaunlich, denn die US-Künstlerin ist zwar im ewig hippen Schwarz (plus silberner Klapperschlange am Revers) gekleidet, mit Großrand-Brille, aber immerhin über 80 Jahre und kann diese Begeisterung nach all den Jahren wohl kaum verstehen, jedenfalls ist ihr das Blitzlichtgewitter etwas fremd.

Keith Haring hätte ihr Enkel sein können, ihre lustvollen, frechen, ewig sexelnden Figuren füllen in ihrer reduzierten Bildsprache ganze Räume. Zusammen mit den knappen Texten liest sich das dann an den Museumswänden entlang wie ein moderner Comic in XXL. Um die Liebe geht es, die Trennung, die Kunst, ach, ja, die Lust der Frau. Also, langweilig wird es nicht. Sieht so aus, als ob Dorothy als junge Frau ein tolles Leben gehabt hätte.

Ewa Partum ist Dorothy Iannones Schwester im Geiste. Auch bei ihr geht es um Weiblichkeit, allerdings geht es feministischer zu als bei ihrer amerikanischen Kollegin. Vielleicht ist sie auch radikaler, definitiv hat sie sich öfters ausgezogen für ihre zahlreichen Performances, die sie filmte und fotografierte. Einen spannenden Einblick davon gibt die Galerie Fricke mit Videoarbeiten, Fotos und Installationen der 1945 geborenen Künstlerin.

In ihrem Heimatland Polen ist Partum bekannt, als junge Frau provozierte sie mit einigen hüllenlosen und exzentrischen Aktionen. In „Chance“ legte sie sich nackt auf eine Pritsche wie auf einen Seziertisch und ließ eine Körperhälfte mit Hilfe von Maskenbildnern altern. Ein in die Jahre gekommenes Alter Ego, absurd, aber nicht witzig. Pinsel und feine Siliconhäute lassen künstlich schrumpeln. Von weitem sieht sie da aus wie eine etwas verlebte Mona Lisa.

Bereits 1971 gründete Partum in Lodz ihre eigene Galerie Adres, unterhielt regen Kontakt zu internationalen Fluxus- und Konzeptkünstlern, auch der Berliner Fluxus-Dandy Wolf Vostell gehörte dazu. So kam es, dass sie 1982 einen Pass zur Einreise nach West-Berlin bekam. Die offizielle Einladung erhielt sie von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK). Vostell vermittelte ihr damals einen Kontakt zu Rainer Hildebrandt vom Museum am Checkpoint Charlie, dort zeigte sie dann ihre „Hommage à Solidarnosc“. Ein Jahr später präsentiert sie ihre erste Schau bei Wewerka.

„Pirouette“ ist eine richtige Berliner Performance. An der Decke eines Altbaus ist ein kleiner Motor angebracht, der einen langen Papierschal rotieren lässt. Darauf befindet sich ein Foto ihrer Nacktperformance von der Berliner Mauer zum Ideenwettbewerb zur Mauer-„Verschönerung“. Sie selbst fährt dazu Schlittschuh auf einer Spiegelfläche, die irgendwann splittert. Künstlerisch allerdings kann sie sich zu der Zeit nicht durchsetzen, in Berlin weht ein anderer Geist. Die malenden Wilden, die Moritz Boys, treten an, um die Leinwände zu sprengen.

Ewa Partum aber blieb in Berlin, bis heute. Sie wahrt ein Stück West-Berlin.

Galerie Fricke, Invalidenstr. 114. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 29. März.