Film

Zeit heilt die Wunden nicht

Das Leben nach der Zwangsadoption: Judi Dench brilliert in „Philomena“ als Mutter ohne Kind

„Es gab keinen Tag in meinem Leben, an dem ich nicht an ihn gedacht habe.“ Die Frau, die das sagt, ist die fast 70-jährige Philomena Lee, eine katholische Irin, die ein halbes Jahrhundert lang über eine Ungeheuerlichkeit geschwiegen hat, den Kummer in sich reingefressen hat, weil sie es für eine Sünde hielt. Zumindest ist ihr das damals eingebläut worden, als sie 1952 noch minderjährig ungewollt schwanger wurde. Von sexueller Aufklärung im strenggläubigen Irland keine Spur, die Strafe für das Unsagbare dafür war umso drakonischer. Philomena wird von ihrer Familie verstoßen und in ein Frauenkloster geschickt, wo sie unter dem strengen Regiment der Schwestern lebt und schuftet und bald unter großer Pein einen Sohn zur Welt bringt. Als Sünderin hat sie kein Anrecht auf Schmerzmittel. Sehen darf sie ihr Kind danach nicht oft, die Schwestern bestimmten den Tagesablauf. Aber dem Kleinen scheint es soweit gut zu gehen, er entwickelt sich prächtig und hat bald, gerade mal drei Jahre alt, eine Freundin im klösterlichen Hort, mit der er ein Herz und eine Seele ist. Sie ist, wie alle anderen Kinder hier, die Frucht der Sünde, ein Bastard.

Und das wird den beiden bald zum Verhängnis. Denn das Kloster nutzt nicht nur die gefallenen jungen Frauen als billige Arbeitskräfte, sondern verdient sich mit Zwangsadoptionen nach Amerika auch noch ordentlich was dazu. Den internierten Müttern wird freilich nichts gesagt, und so muss die 17-jährige Philomena durch ein vergittertes Fenster hilflos zusehen, wie ein amerikanisches Ehepaar die beiden kleinen Kinder ins Auto packt und wegfährt. Ihren kleinen Sohn wird sie nie wieder sehen.

Geschäfte der Nonnen

Doch Philomena Lee vergisst nicht und just am 50. Geburtstag ihres Sohnes ist der Leidensdruck so groß, dass es aus ihr herausplatzt. Sie will ihn endlich finden, den verlorenen Sohn. Der neue Film des britischen Regisseurs Stephen Frears ist nach dieser Frau benannt. Und die hier von Judi Dench gespielte Philomena Lee gibt es wirklich, erst 2003 hatte sie ihr Schweigen gebrochen und nach Hilfe bei der Suche nach dem verloren Sohn gesucht. Michael Sixsmith, ein zynischer Ex-Journalist, gerade von der Blair-Regierung als Spin-Doktor geschasst, ahnte seine Chance. Und tatsächlich erschien 2009 sein Buch „Philomena: Eine Mutter sucht ihren Sohn“, auf dem nun auch der Film basiert. Dabei hält der Politprofi eigentlich Geschichten über menschliche Schicksale für unter seinem Niveau. Aber er versteht natürlich sein Geschäft und erkennt im Kampf der braven Frau gegen die bösen Schwestern gleich die Story. Der Film erzählt in Rückblenden, was damals passiert ist, aber so richtig interessiert er sich nicht für die dreckigen Geschäfte der Nonnen.

Der britische Regisseur Frears, durchaus ein Freund wahrer Geschichten, hatte nach „Die Queen“ kein wirklich glückliches Händchen mehr damit. Und auch hier ist es ihm sehr zahm geraten. Er zieht aus der erstaunlichen Geschichte, die Sixsmith da zusammengetragen hat, eben genau jene menschelnde Schicksalsgeschichte, über die der Journalist ein wenig die Nase rümpft. Frears verwendet viel Zeit auf das ungleiche Paar, das sich Anfang der Jahrtausendwende auf die Suche nach dem verlorenen Sohn macht, und betont dabei immer wieder die komische Seite am gegenseitigen Unverständnis dieses merkwürdigen Paares.

Die Rollen sind also klar verteilt. Hier der rasende Reporter, der schon alles gesehen hat, dort die scheinbar recht naive Rentnerin, die in den Jahren zwar älter, aber nicht viel weiser geworden ist und viel Zeit mit dem Lesen von Schundromanen und irrelevanter Klatschmeldungen verbringt und dem abgeklärten Spürhund damit gehörig auf die Nerven geht. Aber irgendwann merken sie dann doch, dass sie sich ganz sympathisch finden. Und irgendwann muss sich auch Sixsmith eingestehen, dass die Alte keineswegs so ignorant ist, wie er dachte. Und der scheinbar Überlegene lernt, ganz nach den Konventionen von Filmen dieser Art, ein paar simple Lebensweisheiten.

Aber natürlich ist Judi Dench großartig in dieser Rolle als störrische, dabei so sentimentale alte Dame, der sie trotz praktischer Rentnerfrisur und Gesundheitsschuhen Würde verleiht. Sie hat zurecht eine der vier Oscarnominierungen für diesen Film bekommen und sie hat in der Nacht von Sonntag auf Montag sicher mehr Chancen auf den Preis als „Philomena“ selbst in der Kategorie Bester Film.

Auf der Suche nach der Wahrheit können sich Lee und Sixsmith (Steve Coogan) von den Nonnen keine Hilfe erwarten, auch wenn sich die neue Generation weitaus höflicher gibt als 1952. Aber jede Nachfrage, auch wenn der Journalist nicht locker lässt, perlt am vermeintlich gutmütigen Lächeln der Klosterschwestern ab. Zumindest findet er heraus, dass sie einen schwunghaften Handel mit den Kindern betrieben, vorzugsweise mit Ehepaaren in den Vereinigten Staaten. Und bald schon sitzen die beiden in einem Flieger nach Washington.

Eine gute filmische Aufarbeitung der Zwangsadoption durch die irische Kirche hat es längst gegeben. Bereits vor 12 Jahren hatte Peter Mullan mit „Die unbarmherzigen Schwestern“ einen Film über die Bedingungen in irischen Magdalenenheimen der 1960er Jahre gedreht, wo ehelose Mütter missbraucht und gezwungen wurden, ihre Neugeborenen wegzugeben, bei dem es einem die Kehle zuschnürte. Frears Film, der einen sehr viel leichteren Ton anschlägt, versöhnlicher und gefälliger ist, hat dem nicht viel hinzuzufügen.

Philomena bleibt bei alledem immer die gläubige Sünderin in Opferhaltung. Die Indoktrination funktioniert bis zum Schluss, wenn sie den Nonnen vergeben wird. Zumindest im Film. Im wahren Leben war Philomena Lee unlängst bei einer Audienz beim Papst. Sie fordert Aufklärung und die Freigabe von 60.000 Seiten Akten über Zwangsadoptionen durch die katholische Kirche.