Lesung

Nach langer Krankheit kehrt Harry Rowohlt auf die Bühne zurück

Man musste am Sonntagnachmittag im Theater an der Parkaue schon zweimal hinschauen, um den Mann zu erkennen, der da hinter dem Roten Vorhang hervor auf die Bühne kommt.

Im Rollstuhl sitzend und mit einer Wollmütze auf dem Kopf, ist der Autor und Übersetzer Harry Rowohlt von der schweren Erkrankung gezeichnet, die ihn in den vergangenen Monaten zu einer langen Arbeitspause gezwungen hatte. Und weg ist der volle Rauschebart, sein Markenzeichen, mit dem man ihn von öffentlichen Auftritten und auch als Darsteller der „Lindenstraße“ kennt, wo er viele Jahre lang den Obdachlosen Harry spielte.

Für seinen ersten Auftritt nach der Genesung hat sich der Hamburger keine große Bühne, sondern ein Jugendtheater ausgesucht, das Lichtenberger Theater an der Parkaue. Auch ohne große Ankündigung ist der Saal bis auf den letzten Platz ausverkauft, die Hälfte der Anwesenden sind Kinder. Sie sind gekommen, um Rowohlts gemeinsame Lesung mit dem britischen Autor Andy Stanton zu hören. Auf dem Programm steht „Mr. Gum und der fettige Ingo“, ein Band aus Stantons bald achtteiliger Kinderbuchreihe, die Rowohlt kongenial übersetzt hat. Das von Sascha Bunge inszenierte Theaterstück zum Buch hatte am Tag zuvor Premiere, zu der Stanton nach Berlin gekommen war. Und nun lesen er und Rowohlt abwechselnd die verrückte Geschichte vom Kinderschreck Mr. Gum und dem Essenskrieg zwischen Schlachter Willy Wilhelm mit seinen verdorbenen Würsten und dem fettigen Ingo mit seiner schäbigen Dönerbude. Da fliegen Geschnetzeltes und Schafsknochen durch die Luft und Eier werden zu Wurfgeschossen, dass es nur so spritzt. Stanton liest auf Englisch, seine durch Auftritte als Stand Up Comedian geschulte Intonation ist fast schon Schauspiel, so variiert er die Stimmen, zieht Fratzen und springt auf, und betont voller Elan die vielen Geräusche und oft in Großbuchstaben geschriebenen Dialoge seiner Romanvorlage. Die Kinder glucksen vergnügt.

Brummelig-bärige Stimme

Rowohlt wirkt dagegen anfangs etwas nervös, doch dann fängt der 68-Jährige an, seine deutsche Übersetzung zu lesen. Die brummelig-bärige Stimme, mit der er unzählige Hörbücher eingespielt hat, so auch die Mr. Gum-Reihe, erfüllt den Saal und sofort macht sich ein wohliges Märchenonkelgefühl breit. Er toniert etwas ernster, aber nicht minder mitreißend und mit vollem Einsatz seiner Hände. Man versteht sofort, warum er nicht nur als Übersetzer irischer Romane erfolgreich ist, sondern auch einer der beliebtesten Sprecher Deutschlands. Und auch seinen trockenen Humor hat er nicht verloren, wenn er etwa in einem kleinen Exkurs süffisant über den Schreibstil Uwe Tellkamps herzieht. Vor allem aber wird im wunderbar ironischen Zusammenspiel mit Stanton deutlich, warum sich Rowohlt ausgerechnet ihn für seine Rückkehr auf die Bühne ausgesucht hat.

Am Ende, nach eineinhalb irrwitzigen und unterhaltsamen Stunden, gibt es tosenden Applaus. Harry Rowohlt ist merklich erleichtert und winkt ins Publikum.