Monika Grütters

„Eine kulturhistorische Leistung“

Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters gehören die Alten Meister auf die Museumsinsel

In der 8. Etage des Kanzleramts liegt das Büro von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, von der Terrasse aus hat man einen tollen Blick auf den Reichstag und die anderen Parlamentsgebäude. Seit dem 17. Dezember 2013 ist die Berliner CDU-Politikerin Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, so der offizielle Titel, und damit Nachfolgerin von Bernd Neumann. Seit 2005 ist Grütters Mitglied des Deutschen Bundestages, in der vergangenen Legislaturperiode war sie außerdem Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien. Mit der Kulturstaatsministerin sprachen Christine Richter und Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost:

Frau Grütters, Sie sind jetzt 70 Tage im Amt: Wie fühlt sich das an?

Monika Grütters:

Prima. Hier verbinden sich die Niederungen der Politik mit den luftigen Höhen der Kultur.

Sie hatten schon einige große Auftritte, auch bei der Berlinale. Bei der Eröffnung hat Moderatorin Anke Engelke Sie ein bisschen hochgenommen und ständig ermahnt, Sie sollten nicht zu lange reden...

„Ein Stündchen“ hatte sie mir zugerufen, für ein klares Bekenntnis zur Kultur haben mir vier Minuten gereicht.

Sie haben viel Erfahrung in der Politik, waren viele Jahre Mitglied im Abgeordnetenhaus, danach im Bundestag. Wie aufregend ist es, hier im Kanzleramt zu sein?

Es ist hier in der 8. Etage schon gefühlt „ziemlich weit oben“ – aber die buchstäbliche Nähe zum Parlament tut auch gut. Es ist eine Freude, einmal eine Linie vorzugeben oder eine Debatte anzustoßen, das ist aus dieser Position heraus spannend. Ein neuer Blickwinkel für mich, der sehr reizvoll ist.

Berlin erwartet viel von Ihnen – vor allem Unterstützung für die Kultur. Aber jetzt ist Ihnen mit André Schmitz, der wegen Steuerbetrugs sein Amt aufgegeben hat, Ihr Gesprächspartner abhanden gekommen. Fehlt er Ihnen?

Kultursenator ist und bleibt Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister. André Schmitz war ein Garant für eine exzellente Zusammenarbeit zwischen dem Bund und Berlin – zum Nutzen der Kultur. Wir sind befreundet, auch deshalb bedauere ich den Rücktritt.

Sie haben Ihr Bedauern direkt nach seinem Rücktritt ausgedrückt. Bereuen Sie das inzwischen?

Nein, warum...

Wegen des Steuerbetrugs, wegen seines Rücktritts vom Rücktritt und der nun doch erfolgten Versetzung in den Ruhestand, was den Steuerzahler rund 300.000 Euro kostet.

Das kann man so sehen, und der Rücktritt war auch richtig. Aber André Schmitz war ein sehr guter Kulturpolitiker. Und er hat Berlin 13 Jahre lang gedient.

Wer wäre ein geeigneter neuer Kultur-Staatssekretär?

Das muss nun einmal der Regierende Bürgermeister entscheiden.

Braucht Berlin einen eigenständigen Kultursenator?

Ich habe es sehr bedauert, dass man dieses Amt auf eine Staatssekretärsposition heruntergestuft hat. Die Kombination Kultur und Wissenschaft war besser, weil es dabei um zwei Milieus geht, die ein gemeinsames Interesse haben: möglichst große Freiheiten. Sie brauchen einen Senator, der sie ermutigt, aber nicht kleinlich steuert. Kultur und Wissenschaft sind Berlins Zukunftspotenziale. Die heutige Aufteilung entspricht dieser Idee leider eher nicht.

Müsste es dann nicht ab 2016 wieder einen eigenständigen Kultursenator geben?

Ein Senator für Kultur alleine ist schwierig, weil das Ressort relativ klein ist. Aber es hat eine große symbolische Bedeutung. Ich glaube, auch die Wissenschaft kommt heute nicht gut weg, weil der Senat Hochschulen und Forschung getrennt hat. Das war ein Fehler. Wissenschaft, Forschung und Kultur als strategische Politikfelder sollten wieder zusammengeführt werden.

All dies hat auch viel mit Stadtentwicklung zu tun. Das Kulturforum ist die wohl prominenteste Brache im Zentrum Berlins. Wie soll das Areal in zehn Jahren aussehen?

Diese „Brache“ ist ein Herzstück der Stadt Berlin, sowohl räumlich als auch politisch. Deshalb ist es bedauerlich, dass dort seit Jahrzehnten ergebnislos um die Vollendung des Kulturforums gerungen wird. Es hat nur ganz zaghafte und klägliche Versuche einer Standortplanung gegeben. Aber man muss auch sehen, wie kompliziert die Grundstücksverhältnisse dort sind. Trotzdem ist das eine der größten Herausforderungen der Stadtplanung, denen sich Berlin stellen muss. Und zwar zuallererst Berlin. Der Bund ist durch die Staatlichen Museen danach dann auch gefragt.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz plant dort ein Museum der Moderne als Erweiterungsbau für die Neue Nationalgalerie. Es soll hinter dem Mies-van-der-Rohe-Bau an der Sigismundstraße entstehen. Halten Sie das für einen guten Standort?

Der Bund ist Bauherr. Deshalb gibt es die Variantenuntersuchung, mit der drei verschiedene Standorte geprüft und durchgerechnet wurden. Einer an der Sigismundstraße, einer an der Potsdamer Straße und der dritte auf der Museumsinsel.

Bevor Sie Kulturstaatsministerin wurden, haben Sie sich für einen Umzug der Gemäldegalerie vom Kulturforum zur Museumsinsel ausgesprochen.

Ich war immer eine Anhängerin des Masterplans. Daran hat sich nichts geändert. Die drei Varianten müssen nun im Bundestag diskutiert werden – auch vor dem Hintergrund der Kosten, aber hoffentlich ergebnisoffen.

Also ist die Planung, dass die Alten Meister auf die Museumsinsel umziehen, nicht zu den Akten gelegt?

Mir ist nicht bekannt, dass sich der Bundestag auf eine Position festgelegt hat. Es gibt lediglich die Variantenuntersuchung und eine Stellungnahme der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ich verspreche mir etwas Bewegung durch eine Debatte im Bundestag. Natürlich ist die Kostenfrage nicht banal, aber es ist nicht die einzige Frage, die dort zu erörtern ist. Ein Umzug der Alten Meister auf die Museumsinsel wäre eine wichtige kulturhistorische Leistung, weil die weltberühmten Sammlungsbestände dort derzeit ohne die Königsdisziplin, ohne die Malerei, auskommen müssen.

Könnten die Alten Meister im Depot verschwinden?

Das will keiner. Es war stets eine eher polemische Unterstellung, die die Debatte in der Vergangenheit leider sehr dominiert hat. Es gibt jetzt zwei Grundsätze, nach denen die Standortplanung geführt werden muss. Erstens: Die Alten Meister kommen nicht ins Depot. Und zweitens: Das 20. Jahrhundert hat auf geradezu jämmerliche Art zu wenig Platz. Künstlerisch gesehen ist es die ganz große Epoche in Berlin, mit all ihren Brüchen, mit dem Beginn des Expressionismus, mit der künstlerischen Auseinandersetzung mit Terror und Krieg, mit der Teilung, mit der Zusammenführung der Kunstproduktion nach dem Mauerfall. Wir sind es dieser Stadt und Deutschland schuldig, das 20. Jahrhundert – von Brücke bis Beuys – viel besser darzustellen als bisher. Wir können momentan gerade mal 20 Prozent zeigen. Wenn die Neue Nationalgalerie Ende des Jahres wegen der anstehenden Sanierung geschlossen wird, noch weniger. Deshalb brauchen wir auf jedem Fall einen Neubau.

Auch das Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz ist eine Baustelle. Die Arbeiten kommen gut voran, aber bei der inhaltlichen Gestaltung hat man den Eindruck, dass die Preußenstiftung damit überfordert ist.

Das Humboldt-Forum ist mehr als nur eine Unterbringungsmöglichkeit für die ins Abseits geratenen weltberühmten Sammlungen der außereuropäischen Kunst in Dahlem. Es wäre ein Missverständnis, wenn man glauben würde, es entstünde da nur ein „besseres Völkerkundemuseum“. Ganz im Gegenteil. Die äußere Form des erinnerten Stadtschlosses ist das Ergebnis einer langen Diskussion, die in aller Form demokratisch geführt und entschieden worden ist.

Und auch abgeschlossen?

Ja. Aber dass wir diesen zentralen Ort der Republik im stadträumlichen Bezug zu unserem eigenen kulturellen Erbe auf der Museumsinsel eben nicht zur Selbstbeschau nutzen wollen, sondern die außereuropäischen Künste einladen, sich dort selbstbewusst zu präsentieren, das sagt sehr viel aus über das Selbstverständnis der Kulturnation Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts. Wir sind am Beginn eines schwierigen Gedenkjahres, das uns die Geschichte des letzten Jahrhunderts schmerzlich vor Augen führt. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges versteht Deutschland sich als Partner in der globalen Welt. Es gibt keine ethnisch-homogenen Gesellschaften mehr, in Deutschland so wenig wie in anderen Ländern. Das ist eine Herausforderung und zugleich eine große Chance. Ich glaube, dass nur Gesellschaften überleben, die das annehmen. Diesen Geist wollen wir Gestalt werden lassen im Humboldt-Forum.

Das wird öffentlich eher nicht so wahrgenommen.

Deshalb bedarf es jetzt einer klaren Kommunikationsstrategie. Deshalb möchte ich möglichst bald einen Intendanten für das Humboldt-Forum bestellen.

Wen?

(lacht) Ich fange jetzt mit der Suche an. Und ich suche international.

Wollen Sie das Humboldt-Forum noch anders nutzen?

Es gibt Überlegungen, ob der Bibliotheksanteil aus Berlin nicht doch in die künftige zentrale Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld verlagert wird. Dann würden wir über noch mehr Raum im Humboldt-Forum reden und über ein anderes Konzept.

Wird die Diskussion übers Humboldt-Forum zu kleinlich geführt?

Ja. Sie wird verzagt und immer noch zu wenig in der breiten Öffentlichkeit geführt. Aber es ist offensichtlich äußert schwierig, unsere Idee eines neuen Weltverständnisses zu platzieren, also dass wir dort neue Kunsterfahrungen möglich machen, dass wir uns mit den großen Menschheitsthemen beschäftigen wollen – vom Beginn des Lebens bis zu seinem Ende, von der Frage nach Religion und nach Migration, nach eigener Identität. Es soll ja nicht nur der museale Kontext sein, sondern auch eine ständige, aktuelle Auseinandersetzung dazu geben. Deshalb sind auch Ausstellungsflächen für zeitgenössische, avantgardistische Kunst aus allen Teilen dieser Welt geplant. Das Humboldt-Forum ist eine Einladung, Weltbürger zu sein. Es verdankt sich dieser Idee. Und: Berlin ist der Sehnsuchtsort gerade für junge Menschen aus aller Welt. Das Humboldt-Forum ist endlich die Vision für dieses junge, weltoffene Berlin.