Roman

Wenn der Vater seine Tochter um Sterbehilfe bittet

Ein sehr mutiger Roman: „Alles ist gutgegangen“

Nicht zuletzt, weil der Tod noch immer ein großes Tabu ist, wird die Debatte um Sterbehilfe mit einer solchen moralischen Vehemenz geführt. Die französische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Emmanuèle Bernheim hat in ihrem Roman „Alles ist gutgegangen“ die Debatte literarisch überhöht. Es ist ihre eigene Geschichte, die sie erzählt. Der Pariser Kunstsammler André Bernheim, Vater der Autorin, war 88 Jahre alt, als er einen Schlaganfall erlitt und für ihn nichts mehr so war wie zuvor. Keine gesellschaftlichen Zusammenkünfte mehr, die er so liebte, keine Vernissagen, keine charmanten Plaudereien , keine kleinen Anzüglichkeiten. Die Sehfähigkeit betroffen, das Sprachzentrum, der rechte Arm hängt nur noch schlaff am Körper herunter, die Motorik beeinträchtigt. Keine Freude mehr.

Dann, eines Tages, dieser Satz, unter größter Anstrengung herausgepresst: „Das bin nicht mehr ich.“ Nicht mehr ich. Ich bin ein anderer. Eine Bitte schließt sich an diesen Satz: Die Tochter möge doch ihm, dem Vater, helfen, Schluss zu machen. Seinem Leben ein Ende zu setzen. Was für eine Ungeheuerlichkeit. Wie, bitteschön, soll das geschehen? Erst langsam, im Gespräch mit ihrer Schwester Pascale wird der Protagonistin klar, welche größtmögliche Radikalität in der väterlichen Bitte liegt. Darf sie ihm sein Begehren abschlagen? Wo endet seine Freiheit, wo beginnt die ihre? Mehr als nur eine Frage von Moral.

Die Entscheidung des Vaters jedenfalls scheint unumstößlich. Mit einer kleinen heimlichen Freude erzählt er davon. Dann ist der Ort gefunden, eine Sterbeklinik in der Schweiz, diskret, seriös. Der Vater wirkt erleichtert, heiter schon fast, die Schwestern wirken wie an Fäden geführte Puppen. Die Klinik in Bern verlangt ein Dossier mit diversen Dokumenten. Doch welche Farbe soll die kartonierte Mappe haben? Schließlich fällt die Wahl auf die Farbe Rosa. Und welchen Titel soll die Mappe tragen? Papa? Andrés Tod?

Emmanuèle Bernheim erzählt ihre Geschichte folgerichtig in der Ich-Form. Nahezu atemlos wirken anfangs ihre Sätze, als sie der Anruf aus der Notaufnahme ereilt. Die Tochter fliegt förmlich durch die Stadt, hastet, hetzt, um zur Klinik zu gelangen, immer in Sorge, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen. Den Vater vielleicht nicht mehr lebend zu sehen. Kurze, präzise Sätze gebraucht Bernheim, sie lässt keine Luft zwischen ihnen, zwischen den Wörtern, das Erzählte wirkt filmisch wie eine lange, rasante Kamerafahrt. Bernheim hat kein Plädoyer für Sterbehilfe geschrieben. Sie erzählt ihre Geschichte vom begleiteten Sterben ihres Vaters, dieses Vorbereiten auf den selbst gewählten Tod, mit einer Leichtigkeit, die jenseits jeder Moralität zu liegen scheint. Ein mutiges Buch. Es wird die Debatte vorantreiben.

Emmanuèle Bernheim: Alles ist gutgegangen. Dt. von Angela Sanmann, Hanser Berlin, 208 S., 18,90 Euro