Konzert

Barockmusik aus dem brasilianischen Urwald

Ein heimlicher Höhepunkt des Konzerthaus-Festivals „Südamerika“

„Genau dafür braucht man seine Dramaturgen“, jubelt Sebastian Nordmann, Intendant des Konzerthauses. Der Auftritt der britischen Alte-Musik-Truppe Florilegium findet im Kleinen Saal statt, ist aber zweifellos ein Höhepunkt des gesamten Festivals „Südamerika“. Noch bis Ende der Woche findet der Themenschwerpunkt am Gendarmenmarkt statt. Und Nordmann hat recht: Was Florilegium da präsentiert, konnte nur von den musikhistorisch bewanderten Programm-Spezialisten des Konzerthauses eingefädelt werden. Die Konstellation liegt nicht auf der Hand: Ein britisches Ensemble tut sich mit vier jungen bolivianischen Sängern zusammen, um Barockmusik des 18. Jahrhunderts aus dem Urwald aufzuführen.

Jawohl, aus dem Urwald! Im Orden der Jesuiten entstand bereits im 17. Jahrhundert die Idee, der radikalen und brutalen Kolonisation der spanischen und der portugiesischen Krone einen gewaltlosen Weg entgegenzusetzen, um die Angehörigen der indigenen Völker zu missionieren – durch musikalische Bildung und zugleich Amalgamierung der Kulturen vor Ort. Die Musik aus den Missionen der Chiquitos- und Moxos-Indianer also, die in diesem Konzert unter Leitung des Londoner Flötisten Ashley Solomon zu hören ist, hat nichts mit buntem Karneval, strammem Tango-Rhythmus und mexikanischer Folklore zu tun – dies sind popkulturelle Klischees, die bei dem Konzerthaus-Festival durchaus auch ein bisschen, wenn auch augenzwinkernd, bedient werden. Die Glühbirnen der Kronleuchter im Foyer wurden durch bunte Lampen ausgetauscht, was den Schinkel-Bau nun nicht gerade zur zigarrenrauchgeschwängerten Tango-Kaschemme werden lässt, aber sicherlich diesen gewitzten Versuch wert ist.

Wer es will, kann sich jedoch gerade auf die speziellen Konzerte im Haus sehr detailliert vorbereiten. Ein Film zeigt, wie in der prunkvollen Holzkirche von Concepción, einer einst von Jesuiten mitten im Urwald gegründeten Kleinstadt, das Florilegium-Ensemble intensiv mit bolivianischen Sängern und Musikern arbeitete. Kern des Ganzen sind circa 5500 Blätter historisches Notenmaterial, das in den 90er Jahren vor Ort von einem polnischen Geistlichen entdeckt wurde: Stücke von spanischen und italienischen Komponisten, die in die Neue Welt ausgewandert waren. Aber es gibt auch anonyme Kompositionen, die von ihren bolivianischen Schülern stammen könnten. Beim Festival „Südamerika“ werden es in den kommenden Tagen eher die kleinen Veranstaltungen sein, die in weitere Details der reichen Musikwelt des Kontinents eintauchen – bevor das Festival am Wochenende mit einem großen Auftritt des Konzerthausorchesters und des argentinischen Star-Tenors José Cura beendet wird.