Kino

Tempeltänze in Bollywoods großer Traumfabrik

Das Musical wird vom indischen Film inspiriert

Bollywood ist ein Übermaß an Emotion. Knapp 800 Filme produziert die Traumfabrik in Mumbai (ehemals Bombay) jedes Jahr – zumeist knallbunte Kostümschinken, in denen bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit getanzt wird. Die Handlung ist oft Nebensache.

Das Bollywood-Musical versucht etwas anderes. Der australische Produzent Mark Brady hat sich von seinem Landsmann Toby Gough eine Geschichte schreiben lassen, in der es um den Konflikt von Klassik und Popkultur geht, um den Konflikt zweier Generationen. Die junge Ayesha ist von ihrem Großvater zur Kathak-Tänzerin ausgebildet worden. Sie beherrscht die Kunst, durch ihre Bewegungen mit den Göttern zu sprechen und könnte im Tempel tanzen, doch sie möchte nach Bollywood. Ihr fassungsloser Großvater verstößt sie. Sie geht zum Film und kehrt am Ende als gefeierte Choreografin in ihre Heimat zurück.

Das Stück berichtet von der Emanzipation Ayeshas, die sich anfangs stark von der indischen Tradition entfernt und westliche Tanzstile kopiert. Doch dann besinnt sie sich auf ihre Wurzeln. Kathak und Samba, Jazz Dance und uralte Tanzriten verschmelzen zu etwas Neuem. Und das ist eine Entwicklung, die es auch im Bollywood-Kino gegeben hat. Während die Filme früher oft Geschichten aus Hollywood kopierten und sie lediglich in eine indische Szenerie verlegten, haben sie heute eine eigene Erzählweise, einen eigenen Stil. Davon profitiert auch das Musical. Auf der Bühne werden Filmchoreografien direkt zitiert. Erst gibt es Tempeltänze, bei denen die Akteure in wallenden, perlenbestickten Stoffen auftreten, dann werden die Kostüme immer moderner. Der Handlungsort sind Filmstudios, in denen Tanzszenen gedreht werden. Die Handund Kopfbewegungen des Kathak sind in den Choreografien zwar zu erkennen, aber sie erzählen nicht mehr die alten Göttergeschichten. Während im klassischen indischen Tanz jede Geste ihre Bedeutung hat, geht es in den Filmen nur um die Oberfläche. Disconummern sollen durch Kathakbewegungen ein indisches Flair bekommen. Da im Musical immer neue Filme gedreht werden, wechseln die Kulissen ständig. Mal wird in Palästen getanzt, mal vor einer Showtreppe. Die Handlung kann man bei diesen Szenen getrost vergessen. Es geht – ähnlich wie beim Bollywood-Film – um den reinen Rausch. Für die Choreografie zeichnet Vaibhavi Merchant verantwortlich, die auch Tanzszenen für viele Bollywood- Blockbuster kreiert hat. Das Musical, das im englischen Originaltitel „The Merchants of Bollywood“ heißt, basiert auf ihrer Familiengeschichte. Ihr Urgroßvater war ein berühmter Kathak- Tänzer, ihr Großvater gehört zu den Gründern der Bollywood-Filmstudios. Vaibhavi Merchant hat – wie die Heldin des Musicals – ihren Wunsch zum Film zu gehen, gegen den Widerstand ihrer Familie durchsetzen müssen. Sie ist – wie Ayesha – ein gefeierter Star.

Die Show wurde 2005 uraufgeführt, war in vielen Ländern zu sehen. Nun ist sie neu überarbeitet worden. Der Erzähler erlaubt sich ironische Kommentare und sorgt dafür, dass die hochmoralische Geschichte mit einem Augenzwinkern daher kommt.

Admiralspalast, Friedrichstr. 101. Heute, 20 Uhr. Bis 23. Februar