Zusammengefasst

Der nimmermüde Blick eines Flaneurs auf Berlin

Christoph Stölzls Kolumnen erscheinen im März als Buch

Laut Duden ist der Flaneur ein „müßig Umherschweifender“. Er nimmt sich in unseren tempogetriebenen Tagen, da jeder jederzeit allerorts abrufbereit zu sein scheint, die Freiheit auszubrechen. Einfach nur zu schauen, zu beobachten, seiner Neugier zu folgen, bei all dem noch ein bisschen nachzudenken über den Augenblick hinaus und das alles möglichst noch mit einer Prise Ironie zu würzen. Wenn dazu der kulturelle Fundus eines Bildungsbürgers kommt, ist der perfekte Flaneur beschrieben. Auch so einer ist die kulturelle Mehrzweckwaffe Christoph Stölzl.

Kein Zufall, aber ein Glücksfall, dass er anlässlich seines siebten runden Geburtstags in einem Buch noch einmal die Perlen zusammengefasst hat, die er als Flaneur gesammelt hat. Eineinhalb Jahre, vom Herbst 2008 bis zum Frühjahr 2010, hat Christoph Stölzl Tag für Tag für die Berliner Morgenpost aufgeschrieben, was er in dieser Stadt beobachtet, worüber er sich gewundert, geärgert oder gefreut hat.

Mit besonderer Freude brachte er Dinge zusammen, die auf den ersten Blick nicht recht zusammenpassen: „Mampes gute Stube“ mit dem Dichter Joseph Roth, Schriftsteller Roald Dahl verknüpfte er mit der „Kultstraße“ Kantstraße, und er zeichnete die Gemeinsamkeiten von Vögeln und Handys auf. In den auserwählten 87 Feuilletons in dem Buch beschreibt er nun unser Berlin, wie es ist, nicht wie es schöngeträumt oder schlechtgeredet wird. Kurz und auf den Punkt gebracht.

Die Vorgabe der Morgenpost an den Flaneur Stölzl war, dass kein Text länger als 2.500 Anschläge sein darf. Was für den Autor vermutlich mehr als einmal Pein war, ist für den Leser Freud. Weil hier ein unterhaltsamer, leicht zu lesender bunter Themenstrauß gebunden wird.

Das fängt schon mit dem ersten Flanierstück an, dessen Überschrift auch zum Titel des Gesamtwerks geworden ist: „Morgens um sechs bei Haubentaucher & Co.“ Darin beschreibt Stölzl seine Beobachtungen und Gedanken beim frühmorgendlichen Bad im Schlachtensee. Ein paar Seiten weiter steht er auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofs und weitet seine Betrachtung über die Mitwartenden zu einem architektonischen und literarischen Exkurs über Empfangs- und Abschiedshallen für Zugreisende aus. Und dann flaniert Christoph Stölzl entlang der „Spinnerbrücke“, unabhängig von Alter und Bildungsgrad Kulttreff der Berliner Biker–Freaks, um bei Goethe in Weimar zu enden. Insgesamt 186 Seiten Lesespaß. Mal amüsant, mal ernst – wie der Berliner Alltag eben so ist.

Christoph Stölzl Morgens um sechs bei Haubentaucher & Co. Mit einem Vorwort von Mathias Döpfner. Nimbus, 24,00 Euro, erscheint am 01.03.2014