Nachwuchsarbeit

Auf dem Sprung

Im Schiller-Theater zeigen die Schüler der Staatlichen Ballettschule ihr Potenzial

Eine Aufführung im Schiller Theater – der ganz große Rahmen für den Nachwuchs. Hier zeigt die Staatliche Ballettschule Berlin „Le Corsaire“, einen abendfüllenden Klassiker aus dem 19. Jahrhundert. Für die 10- bis 19-Jährigen Auszubildenden eine Herausforderung, die sie auf den Arbeitsalltag in den Ballettcompagnien vorbereiten soll. Es ist ein Tanzspektakel, wie sie der Choreograph Marius Petipa Mitte des 19. Jahrhunderts in St. Petersburg auf die Bühne hob. Das bedeutet Ballett und Charakterdarstellung, Ensembleornamentik neben technisch anspruchsvollen Pas de deux und Solovariationen.

Dazu der ganze Bühnenzauber – Sklavenhandel auf dem Markt, tumultueske Kampfszenen im Palast, zarte Liebesszenen und ein kenterndes Schiff im Sturm. Markige Piraten, leicht bekleidete Haremsdienerinnen, putzige Ratten: Ein unermüdliches Treiben über zweieinhalb Stunden, das Darsteller wie Theatergewerke gleichermaßen fordert.

Später dann in den Musicals

Besser kann man seine Auszubildenden wohl nicht auf ihre künftigen Aufgaben vorbereiten – so es sie denn zum Ballett zieht. Nur ein kleiner Teil der 200 Tanzschüler an der Staatlichen Ballettschule kommt bei einer klassischen Compagnie unter. Viele zieht es ins Showbusiness, zu Revuen oder Musicals. Nicht nur die Ballettdirektorin des Friedrichstadt-Palast sichtet an der renommierten Schule immer mal wieder potentiellen Nachwuchs. Auch mit dem Staatsballett Berlin kooperiert das Ausbildungsinstitut seit Jahrzehnten, wie Schulleiter Ralf Stabel erzählt. Mehr als 70 Schülerinnen und Schüler tanzten vor Weihnachten im „Nussknacker“ mit, in „Schwanensee“ sind immer wieder Eleven der Pankower Ballettschule im Einsatz, und etliche Absolventen sind im Staatsballett-Ensemble engagiert, vom Corps de ballet bis zu den Ersten Solisten Marian Walter und Beatrice Knop.

Ganz rund schien die Kooperation zwischen den beiden Berliner Ballettinstitutionen aber zuletzt nicht mehr zu laufen. Man hörte von eisigem Schweigen zwischen Noch-Intendant Vladimir Malakhov und dem Künstlerischen Leiter der Ballettschule, Gregor Seyffert, der selbst ein Absolvent dieser Schule und eine Tänzerlegende ist: Tom Schillings Tanztheater engagierte ihn 1987 gleich nach seinem Abschluss als Solisten an die Komische Oper Berlin, 1997 wurde er als erster Deutscher zum weltbesten Tänzer des Jahres gekürt, und seit 1999 ist er Berliner Kammertänzer – wie Vladimir Malakhov seit neuem auch. Kollegial scheint das Verhältnis der beiden dennoch nicht zu sein. Der ukrainische Ballerino an der Ballettspitze soll sich Seyffert zufolge abwertend über die künstlerische Qualität der Ballettschule geäußert und auf Kontaktaufnahmen zuletzt nicht mehr reagiert haben.

Eine Eiszeit möchte Schulleiter Ralf Stabel so aber nicht bestätigen. Die Zusammenarbeit sei auch in der Ära Malakhov immer gut gewesen, sagt er. „Hervorragend“ soll sie unter dem neuen Intendanten Nacho Duato werden, wirft Gregor Seyffert ein, und Stabel setzt nach, gut bedeute ja auch: steigerungsfähig. Bei diesem kleinen Sprachtänzchen wirken die beiden Herren verschmitzt. Für die Schulleiter ist der Intendantenwechsel mit der Hoffnung auf Tauwetter verbunden. Erste Gespräche mit Duato sind bereits geplant, auch bei seinen Auditions Ende Januar tanzten schon einige Ballettschüler vor. Genauere Vereinbarungen seien jedoch noch nicht getroffen, so Seyffert, man müsse sich erst einmal künstlerisch beschnuppern.

Mit der Verpflichtung der Starballerina Polina Semionova als Honorarprofessorin ist den Schulleitern letzthin schon ein Coup gelungen, der sie dem Staatsballett näher bringt. Dort wird die Semionova wieder tanzen, sobald ihr ehemaliger Mentor Malakhov fort ist. Aufbruchsstimmung: Der Neustart mit dem Staatsballett soll es nicht zuletzt ermöglichen, die Schule noch besser im Scheinwerferlicht nicht nur der Berliner Ballettszene zu positionieren. Schließlich suchen die beiden Leiter Abnehmer für ihre Schüler. „Dass sie einen Job finden, ist das Wichtigste“, sagt Gregor Seyffert.

Dafür platziert er sie mit „Le Corsaire“ durchaus geschickt im Gefüge der großen Compagnien. Das Staatsballett Berlin zeigte mit „La Bayadère“ lange Jahre die größere Schwester des Korsaren, unter steter Beteiligung von Zöglingen der Ballettschule. Eine Rekonstruktion von „Le Corsaire“ präsentierte 2007 das Bayerische Staatsballett, ebenfalls ein begehrter Arbeitgeber. Kürzlich ist mit Marten Baum ein Schüler von Seyffert und Stabel in die dortige Junior Company engagiert worden. Im Rahmen von „Le Corsaire“ kann er sein tänzerisches Können nicht wirklich zeigen, er ist als Pascha im pantomimischen Fach besetzt. Dafür strahlen an dem Abend andere Nachwuchstänzer, die nach ihrem Abschluss Arbeit suchen. Stolz auf sie ist Gregor Seyffert: „Dieses abendfüllende Ballett hat noch keine andere Ballettschule gezeigt.“ Es gebe Gastspielanfragen aus Asien, Interesse an einer DVD-Produktion, „weil das etwas so Besonderes ist“. Das wird die Auszubildenden freuen: Hier hat jemand für sie große Zukunftspläne.