Kunstsache

Die Kunst macht Wetter

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Ob Walter Niedermayr eigentlich noch gern Ski fährt, wissen wir nicht genau. Nur noch Langlauf, heißt es in der Galerie. Wenn man so will, ist Niedermayr so etwas wie der kritische Fotograf der weltweiten Winterspiele, auch wenn er nicht in Sotschi dabei ist. Er schaut hinter die weißen Fassaden, der Schnee, die Gletscher sind sein Thema. Das kommt sicher daher, dass die Alpen direkt vor seiner Haustür liegen, er stammt aus Bozen und arbeitet dort. Als er Kind war – das ist einige Jahrzehnte her – sah es in den Bergen ganz anders aus. Da schnallte man sich nicht nur Skier aus Holz an, sondern hatte den Himmel noch für sich. Massentourismus? Slopestyle? Fremdworte.

Wenn er heute fotografiert und seine Videos dreht, fährt Niedermayr wie früher mit dem Lift hinauf ins weite Weiß und sucht wie ein Landschaftsmaler jenen Punkt, wo er die Welt unter sich sieht. Was er da beobachtet, gefällt ihm nicht. Hunderte, Tausende Skifahrer und Snowboarder jagen und schliddern die Pisten entlang. „GoPro“ zeigt Rennläufer, wie sie sich mit ihren nur schwer kontrollierbaren Downhillrädern einen vereisten Berg runterkämpfen, in welchem Gebiet sie sich genau befinden, wissen sie wahrscheinlich gar nicht. Am Helm tragen sie eine Actioncam, die die Abfahrt dokumentiert. Für den Genuss danach. Die Landschaft ist zur Arena geworden.

Kurios, wie Niedermayr in seinen Fotos das Schneeweiß digital derart manipuliert, dass Waschmittel-Klementine neidisch hätte werden können. Wie stark man Weiß bloß reduzieren kann: Die Konturen der Gegenstände lösen sich auf, Schatten verschwinden. Skilifte wirken deplatziert wie Ufos und die Ski- und Fußspuren sehen aus wie fragile Linien einer Zeichnung, die Sportler in ihren Outfits erscheinen orientierungslos wie wilde, losgelöste Punkte. Niedermayr gelingt es mit dieser ausgetüftelten Ästhetik, unsere Wahrnehmung fotografischer Bilder zu schärfen. Auf Skifahren aber haben wir vorerst keine Lust mehr. Galerie Nordenhake, Lindenstr. 34. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 8. März.

Um den Schnee geht’s zwar nicht beim schwedischen Künstlerduo Bigert & Bergström, dafür ums Wetter. Damit beschäftigen die beiden sich seit vielen Jahren. Im Stockolmer Hauptbahnhof leuchten wie Wohnzimmerlampen Molekularkugeln, die ihre Farben je nach Temperaturlage ändern. In Berlin allerdings treten die beiden in den totalen „Wetterkrieg“. Darf und kann der Mensch Gott spielen und Naturphänomene beeinflussen? Wie damals zur Olympiade in Peking, als die Luftwaffe Regenwolken mit Chemikalien-Raketen beschoss, damit der Himmel nicht grau wurde.

Zusammen mit dem kanadischen Sturmjäger und Meteorologen Mark Robinson also machten sich die beiden Wetterfrösche aus Stockholm auf in den Mittleren Westen der USA. Dort, wo die Tornados in regelmäßigen Abständen alles flachlegen und die Menschen, trotz Vorhersage, diesem windigen Wüten hilflos ausgeliefert sind.

Mit dabei hatten die Künstler den auf einem Hänger montierten „Tornado Diverter“, einen seltsam harmlosen Trichter, mit Batterien und Transformator versehen. Das Teil steht nun in der Galerie Barbara Thumm, drumherum einige Schüler, die rätseln, ob und wie das Ding überhaupt funktioniert.

In der Mitte des Ausstellungsraumes liegt eine gigantische schwarze Kugel, ein Globus, der Trauer trägt. In einer Black Box können wir uns den Film zur mehrmonatigen US-Expedition „The Weather War“ anschauen, eine flotte Mischung aus Roadmovie, Dokumentation und Performance. Sind die beiden Schweden mehr Künstler oder Forscher? Egal, das gehört zum Spiel zwischen Fiktion und Realität – das Wetter, das ändern sie jedenfalls nicht.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 8. März

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien