Geburtstag

Ein Mann mit vielen Begabungen

Sprühende Intelligenz und kulturelle Tiefenkenntnis: Christoph Stölzl feiert am Montag seinen 70. Geburtstag

Um Christoph Stölzl zu feiern, bedarf es eines kongenialen Gegenübers. Das bin ich leider nicht, es erscheint mir kaum möglich, die Vielgestaltigkeit dieser Persönlichkeit, seine unerschöpflichen und herausragenden Begabungen, Aktivitäten und seines Enthusiasmus auch nur annähernd in Worte zu fassen. Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich hatte das Glück viele Jahre eng mit ihm in der Villa Grisebach zusammenarbeiten zu dürfen. Er hatte dort ein Zimmer im 4. Stock bezogen, blickte hinaus auf die mächtige Buche, die zwischen der Villa und dem Literaturhaus thront und machte sein Büro zu einem kleinen geistigen Energiekraftwerk. Niemals zuvor und niemals danach habe ich erlebt, dass ein Mensch, ohne sich in Bücher vertiefen oder gar bei Google oder Wikipedia nachschauen zu müssen, aus dem Stand zu eigentlich jedem Thema so kluge und interessante Worte und Zitate fand. Einmal Gelesenes hat er immer präsent – „gespeichert“, wie er selbst einmal sagte.

Feste für Herz und Verstand

Christoph Stölzl wurde 1944 in Westheim in Bayern geboren, und er hat sich den Singsang dieses bayerischen Dialektes auch von vielen Jahren in Preußen nicht austreiben lassen. Er sorgte schon als junger Direktor des Münchner Stadtmuseums für Aufsehen und danach als Gründungs- und Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Aus dem Nichts hat er eines der bedeutendsten Bestand- und Ausstellungshäuser Europas geschaffen. Er konnte hinreißende Ausstellungen über frühe Aktfotografie genauso inszenieren wie monumentale und doch immer quicklebendige Schauen zu den Sollbruchstellen der deutschen Geschichte. Und für uns in der Villa Grisebach hat er 2007 eine durch ihre Vielfalt faszinierende Ausstellung „Kunst und Kanzler“ erdacht, die uns anderthalb Seiten in der Deutschland-Ausgabe der „Bild“-Zeitung bescherte. Seine Ideen waren nie verkopft, auch wenn sie natürlich sehr durchdacht waren, sondern immer im Sinne des Betrachters gedacht – als rauschende Feste für Herz und Verstand.

Es sagt viel über den Zustand und merkwürdige Frustrationstoleranz der deutschen Politik aus, dass er zwar 2000/2001 Berlins Kultur und Wissenschaftssenator war und danach noch Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, aber man eine spürbare Erleichterung in der kleinkarierten Berliner CDU verspürte, als er sich wieder ganz der Kultur zuwandte. Man schien froh zu sein, nicht täglich mit dieser sprühenden Intelligenz und kulturellen Tiefenkenntnis konfrontiert sein zu müssen. Und doch wird seine kraftvolle Rede immer in Erinnerung bleiben, mit der er im Jahr 2002 als Wortführer einer bürgerlichen Opposition (die es weniger im Parlament als vielmehr bei den Bürgern selbst gab) den „Kulturbruch“ eines rot-roten Bündnisses in der ehemaligen Frontstadt Berlin geißelte.

Stölzl selbst ging nach seinem Ausflug in die Politik, der von seinen Ambitionen, seiner Unerschütterlichkeit und seiner Angstlosigkeit erzählt, zurück in seinen Heimathafen: Die Kultur. Heute ist er Präsident der Franz-Liszt-Hochschule für Musik in Weimar. Denn über seine stupenden Kenntnisse der Literatur, der Kultur, der Geschichte und natürlich der Anekdote sollte man nie vergessen, wie sehr sein Herz für die Musik schlägt. Und wer ihn in seiner Zeit als Berliner Senator Sonntags bei seinen Salons in seinem Haus erlebte, der sah dort keinen selbstgefällig empfangenden Hausherrn, sondern einen voller Power den Kontrabass zupfenden Hochbeglückten.

Diese nie versiegende Energie, seine ungeschützte Begeisterung, das sind zwei der Dinge, um die ich ihn beneide (von seinem fotografischen Gedächtnis jetzt einmal zu schweigen, seiner vorurteilsfreien Beweglichkeit, seinem vielleicht einmaligen Talent zur Stegreifrede abgesehen). Als wir in der Villa Grisebach im Jahre 2002 den großen deutschen Künstler Lovis Corinth mit einer Retrospektive ehrten, sprachen wir am Abend vor der Eröffnung, als alle Bilder gehängt waren, miteinander. Er fragte mich: „Wer spricht denn morgen zur Eröffnung?“ Ich antwortete mit dem Satz meines Lehrmeisters vom Kurfürstendamm Hans Pels-Leusden: „Die Kunstwerke eröffnen sich selbst“.

In der Nacht nagte an mir diese Frage. Am Morgen rief ich ihn an und bat ihn, doch die Corinth-Ausstellung zu eröffnen. Kaum gefragt, eilte er stante pede in die Villa und feierte den Künstler und dessen Walchenseebilder, die der Bayer Stölzl besonders kannte, liebte und verstand, in einer Rede, wie ich sie noch nie über den Künstler gehört habe. Bis hin zu Richard von Weizsäcker hörten die Gäste der Vernissage Stölzl atemlos zu; voller Emphase, Virtuosität und Fähigkeit zur genauen Beobachtung gelang es ihm, das Maler-Berserker-Genie Corinth mit Worten in vielfältigen Farben zu schildern.

Es gibt kaum einen, der die Kunst und die Geschichte so lebendig werden lässt in seinen Worten und Ausstellungen. Kaum einer, der immer noch so neugierig ist auf die Geschichte. Davon kann man sich in dem kleinen Band „Morgens um sechs bei Haubentaucher & Co.“ überzeugen. Es sind kleine Feuilletons aus unserer Stadt, vor ein paar Jahren geschrieben und doch zeitlos schön. Vergleichbares gab es nur in den 1920er Jahren, als sich Franz Hessel, Alfred Kerr und Joseph Roth über die Stadt beugten.

Es wäre nicht überraschend und vor allem wäre es äußerst wünschenswert, dass es Berlin doch noch einmal gelänge, Christoph Stölzl mit einer neuen Aufgabe zu locken. Wir brauchen Menschen mit solch wacher Neugierde ohne Angst vor Gedanken oder Museen oder Konzepten, für die es noch keinen Bebauungsplan gibt, dringender denn je in unserer seltsamen Stadt. So muss, wird und soll ein vielfacher Salut zum 70. Geburtstag dieses faszinierenden Menschenverstehers vor und von allen Geschichts-, Literatur- und Musikbegeisterten nach Weimar gehen. Der aus der Fasanenstraße ist ganz besonders herzlich und heftig!

Der Autor ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses Villa Grisebach