Klassik-Kritik

Bei Sir Simon wird in der Philharmonie der Abgang geübt

Der Letzte macht das Licht aus: Haydns Abschiedssinfonie

Ein Albtraum: Die Philharmoniker leiern und quietschen unter Simon Rattles Leitung. Wutentbrannt bricht Konzertmeister Daishin Kashimoto ab. Er beschimpft das Orchester auf Gröbste, lässt die Streicher zur Strafe nachstimmen. Ein echter Haydn-Scherz, passend zum launischen Pasticcio, das ihr Chefdirigent für die zweite Konzerthälfte eingerichtet hat. Inklusive Chaos und Erdbeben, avantgardistischer Flötenuhren-Collage und einem äußerst bitter klagenden Finale aus der „Abschiedssinfonie“. Nach und nach klicken hier die Musiker ihre Pultlämpchen aus, trotten missmutig von der Bühne, bis das Podium ganz dunkel und leer ist. Schon bald allerdings lässt sich in diesem zehnsätzigen Haydn-Event nur noch schwer zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Soll das Menuett aus der „Morgen“-Sinfonie wirklich so dickleibig klingen? Betreibt Solo-Hornist Stefan Dohr die ganze Zeit über humorvolle Sabotage oder hat er nur einen unglücklichen Abend erwischt? Wie auch immer – dieses Pasticcio kommt grandios an.

Mitsuko Uchida, die Japanerin mit der liebenswerten Leidensmiene, spielt in der ersten Hälfte. Klavierkonzerte von Mozart und Messiaen stehen an. Wegen Messiaens „Oiseaux exotiques“ trägt Uchida vermutlich einen türkisfarbenen Flügel-Umhang über grauer Stoffhose. Doch sie wirkt darin eher wie eine Mischung aus Elfe und Libelle. Messiaen hatte sein Werk Mitte der 50er aus allerlei exotischen Vogelgesängen gebastelt. Uchida jagt ziemlich theatralisch durch die großformatige Partitur. Das verspricht hohen Unterhaltungswert, hat aber wenig Verführerisches.

In Mozarts B-Dur-Klavierkonzert KV 456 klammert sich Uchida im Kopfsatz noch nervös an die Tastatur des Steinways, spricht und summt Läufe und Kantilenen mit. Die Philharmoniker wirken etwas steif und herb, erst im zweiten Satz entspannen sie sich. Uchidas Ton beginnt zu leuchten und zu blühen. Hinterher scheint sie selbst ganz überrascht, wie inspirierend ihr dieser Mozart gelungen ist. Von Rattle bekommt sie ein Küsschen, vom Konzertmeister ein herzliches Bravo.