Interview

„Für mich gab es nie Tabus“

Chansonsängerin Ute Lemper über Klischees, den Segen der Emanzipation und ihr viertes Kind mit 48 Jahren

Lady? Ja, die Charakterisierung gefällt Ute Lemper schon. Doch vor allem ist die gebürtige Münsteranerin, die inzwischen seit 15 Jahren in New York lebt, eine ebenso erfolgreiche Sängerin und Künstlerin. Vor ihrem Berliner Auftritt in der Universität der Künste am Sonntag in einer Woche hat Christoph Forsthoff die 50-Jährige zum Interview getroffen – nach einem schlaflosen Flug aus New York: „Wenn ich jetzt die Augen fünf Minuten schließen würde, wäre ich gleich weg.“

Berliner Morgenpost:

Frau Lemper, Musical, Cabaret, Chanson, Jazz oder jetzt das Programm „Forever – The Love Poems of Pablo Neruda“ – Sie haben zahlreiche Musikgenres durchlaufen. Warum so vielseitig?

Ute Lemper:

Auf jeden Fall eine Neugier, aber es hat auch damit zu tun, dass diese ganze Evolution ja über 30 Jahre abgelaufen ist. Und sobald ein neues Kapitel eröffnet ist, bleibt der Inhalt als Inspiration, als Stück meiner Identität.

Für Ihr neues Projekt haben Sie mit dem Bandoneonisten Marcelo Nisiman Liebesgedichte Pablo Nerudas vertont.

Ich wollte ein Programm schaffen, das musikalisch auf dem französischen Chanson, dem argentinischen Lied und dem Tango basiert, verbunden mit wunderbaren Texten. Doch als ich mich durch die lateinamerikanische Literatur las, musste ich feststellen, dass sich diese Poesie im Grunde nicht vertonen lässt.

Warum nicht?

Es würde diese Texte banalisieren, denn die meisten sind politisch, da ihre Schreiber in ihrer Poesie ihre Rebellionen formuliert haben gegen die Systeme, in denen sie aufgewachsen und unterdrückt worden sind. Bis mir nach all den großen Schinken dann dieses Büchlein mit den kleinen, kompakten Liebesgedichten in die Hände fiel.

Während Sie andernorts bejubelt werden, steckt man Sie hierzulande bis heute gern in die eine oder andere Schublade – neigen die Deutschen zu Klischees?

Das kann schon sein. Am Anfang wurde ich schnell in die Schublade Romy Schneider und Marlene Dietrich hineingezogen als junge deutsche Power-Frau und Femme fatale. Ich war schockiert, doch irgendwann ist mir dann klar geworden, dass viele Menschen offenbar solch eine Klischeesierung brauchen.

Stören Sie solche Schubladen-Bilder?

Nein. Mittlerweile interessiert mich das überhaupt nicht mehr, denn ich bin schon seit langem meine eigene künstlerische Identität und habe nicht mehr damit zu kämpfen, diese noch näher zu definieren. Wenn ich auf die Bühne gehe, fühle ich mich völlig in meinem eigenen Element.

Sie treten mit dem Tango-Programm nicht nur in Europa und den USA auf, sondern auch in Südamerika, der Heimat des Tangos – wie reagieren die Menschen dort auf die Mischung aus Brel, Weill und Piazzolla?

Es gibt in Südamerika ein großes Publikum, das aus verschiedenen Gründen sehr interessiert ist an der europäischen Kunst und am europäischen Lied. Für diese Menschen bin ich die Nachkriegskünstlerin, die versucht, diese Welten zusammenzubringen. Zumal ich ja auch viele Lieder auf Jiddisch singe – ein Dialog zwischen den Kulturen, der zu einem Teil meiner Mission geworden ist im Laufe der vergangenen 30 Jahre.

Haben Sie diese Rolle als Mittlerin zwischen den Welten bewusst angestrebt?

Nein, anfangs nicht bewusst. Meine internationale Karriere begann ja 1987 mit meiner ersten Platte „Ute Lemper singt Kurt Weill“, die 50 Wochen lang die Nummer Eins in den Crossover-Charts in den USA gewesen ist und sich überall bis hin nach Japan sehr gut verkauft hat.

Nur in Deutschland hat sich kaum einer dafür interessiert?

Hier waren die Lieder aus der „Dreigroschenoper“ oder „Mahagonny“ alte Kamellen. Doch international hat die Platte die damals noch als Nazi-Sprache stigmatisierte deutsche Sprache auf einmal wieder in einem anderen Licht erscheinen lassen: Die Sprache wurde in ihrer Poesie wiedererkannt, in ihrer Schönheit und Tiefe. Und so verbindet mich mit diesem Repertoire bis heute eine große internationale Geschichte, und ich habe es mir dann zur Mission gemacht, dieses Thema mit großem Respekt und Ehrlichkeit zu behandeln und eine Brücke zur Musik anderer Länder zu schlagen.

Ein Grund, dass Elke Krüsmann Sie in ihrem Buch „Endlich Lady! Älter werden muss nicht beige sein“ als Repräsentantin einer neuen, faszinierenden Frauengeneration bezeichnet. Sehen Sie sich auch so? Und was macht diese neue Frauengeneration aus?

Ich bin mir nicht sicher, ob man über die ganze Generation sprechen kann, denn natürlich kommt es auf den Lebensstil an. Aber generell gilt, dass uns von der Emanzipation der Weg schon bereitet war: Wir konnten von Anfang mitreden in der Männerwelt, und auch alle Berufe standen für uns offen.

Gleichberechtigung ist also heute Realität?

Natürlich ist es für die Frau immer härter, Beruf, Kinder und Familie unter einen Hut zu bringen. Ich bin manchmal vielleicht noch ein bisschen mutiger, weil ich einfach alles mache, was ich mir so vorstellen kann. Für mich gab es nie Tabus – etwa jetzt noch einmal ein viertes Kind: Da hätte jede Frau gesagt „Bin ich denn wahnsinnig“ – ich habe es einfach gemacht.

Mit vier Kindern finden Sie noch Zeit für sich selbst?

Diesen Luxus habe ich eigentlich nur auf Tour. Obwohl ich mir nun ein schönes Arbeitszimmer oben auf dem Dach eingerichtet habe, wohin ich dann auch am Tag mal entfliehen kann – aber gerade den Kleinen herumzutragen, das ist ziemlich anstrengend: Da tut mir schon der Rücken weh, das muss ich zugeben.

Eine Lady mit Rückenschmerzen also – sehen Sie sich selbst eigentlich auch als Lady, wie es in dem genannten Buchtitel assoziiert wird?

Lady? Doch, ich denke schon, dass ich eine Lady bin, da ich auch Respekt und Anerkennung verlange, eine gewisse Stärke und Würde wie auch einen gewissen Stil repräsentiere – so als Lady, das finde ich schon nett.

Ich weiß, dass man eine Lady nicht auf das Alter anspricht.

Tja, eigentlich war ich selber erstaunt: Das gibt es doch nicht, dass ich schon 50 bin! Wo sind die letzten zehn Jahre hingegangen? Gut, es ist einiges passiert: Im Prinzip fühle ich mich heute künstlerisch besser und freier.

Universität der Künste Hardenbergstrasse 32, am 23.2. um 20 Uhr. Tel. 61101313CD:Ute Lemper: „Forever – The Love Poems of Pablo Neruda“ (Chamaleon, Edel)