Gedenken

Abschied von einem blonden Lockenkopf

Tod einer Ikone: Shirley Temple war der berühmteste Kinderstar. Am Leben ist sie nicht verzweifelt

Als sie elf wurde, bekam sie 135.000 Geburtstagsgrüße. Zu diesem Zeitpunkt betrug ihr Gehalt 10.000 Dollar – pro Woche. Diese traumhafte Gage ging schon in Ordnung. Ihr Studio verdiente gut 30 Millionen Dollar mit ihr. Shirley Temple war Hollywoods größter Kinderstar. In mehr als 50 Filmen spielte sie mit, die meisten davon hatte Shirley Temple schon vor ihrem zehnten Geburtstag abgedreht. Bereits als Sechsjährige konnte sie mit ihrem eigenen Ehren-Oscar spielen. „Das beste kleine Mädchen der Welt“, wie der blonde Lockenkopf damals verehrt wurde, starb am Dienstag im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in Woodside, einem Vorort von San Francisco.

Als Vierjährige war die einzige Tochter eines Bankangestellten und einer Näherin in einer Tanzschule entdeckt worden, sie was das dritte Kind von George and Gertrude Temple. Über Nacht wurde sie zum Star, eine amerikanische Ikone, die so berühmt wie Greta Garbo oder auch Charlie Chaplin war. Das singende, tanzende und steppende Mädchen verdiente zeitweise mehr als jeder andere Schauspieler in Hollywood. Als Neunjährige hatte sie ein höheres Jahreseinkommen als der Präsident von General Motors. Selbst US-Präsident Franklin D. Roosevelt verfiel ihrem Charme und dankte Temple dafür, dass sie in den 30er-Jahren „Amerika mit einem Lächeln durch die Depression führte“. Mit Streifen wie „Der kleinste Rebell“, „Heidi“, „Rekrut Willie Winkie“, „Stand Up and Cheer!“ und „Armes, kleines reiches Mädchen“ rette sie das Studio 20th Century Fox vor dem Bankrott. Allein 1934 drehte sie acht Filme.

Eine Ehe über 55 Jahre

Auch als kleiner Werbestar für Puppen, Haarmittel und Seife verdiente Shirley zur Freude ihrer ehrgeizigen Eltern ein Vermögen. Ihre Filmkarriere war aber ein Wettlauf gegen die Zeit. Als sie in die Pubertät kam, war es mit Kinoknüllern vorbei. „Ich war die älteste 14-Jährige der Welt“, klagte sie später einmal. 1940 floppte „The Blue Bird“ an den Kinokassen, ihr Dasein als Kinderstar war beendet. Im Gegensatz zu Elizabeth Taylor, Mickey Rooney und Natalie Wood schaffte sie es nicht, auch als erwachsene Schauspielerin erfolgreich zu sein. So floppte der Film „So einfach ist die Liebe nicht“.

Bei den Dreharbeiten zu einem ihrer letzten Filme, „Fort Apache – Bis zum letzten Mann“ mit John Wayne in der Hauptrolle, verliebte sie sich in den Schauspieler John Agar. Mit 17 heiratete sie, mit 19 Jahren wurde sie Mutter. Doch nach ihrem Rückzug aus dem Filmgeschäft ging auch ihre Ehe schnell in die Brüche.

Das Schicksal anderer Kinderstars, nach frühem Ruhm in Ruin und Rausch zu enden, blieb Temple aber erspart. Frisch geschieden, lernte die 22-Jährige auf einer Party den Geschäftsmann Charles A. Black kennen. Er hatte nichts mit Hollywood zu tun, er habe sie nicht einmal erkannt. „Er war die Liebe meines Lebens“, erzählte Temple 2005 dem „San Francisco Chronicle“, kurz nach Blacks Tod. Sie waren 55 Jahre miteinander verheiratet. Das Paar lebte mit seinen zwei Kindern abseits von Hollywood in Nordkalifornien. Es war auch nicht verkehrt, dass Charles Black erfolgreich war, denn Temples Vater konnte nicht so gut mit Geld umgehen und dezimierte ihr Vermögen auf 48.000 Dollar. Shirley Temple ließ das ihrer Autobiografie zufolge kalt: „Manch einer mag das unverständlich finden, aber ich spürte weder Enttäuschung noch Zorn.“

Über soziale Aktivitäten stieg Temple in die Politik ein. Als engagierte Republikanerin kandidierte sie 1967 für einen Sitz im Kongress und wurde nur knapp geschlagen. Präsident Richard Nixon machte sie zur UN-Delegierten, dessen Nachfolger Gerald Ford zur Botschafterin in Ghana. Unter George Bush sen. war sie Botschafterin in der Tschechoslowakei.

„Ich hatte ein wirklich großartiges Leben“, resümierte Temple vor Jahren im „Chronicle“. Druck habe sie als Kinderstar nie verspürt. „Ich war total damit beschäftigt, Spaß beim Drehen zu haben.“ Aber es gab auch in ihrem Leben düstere Geschichten: So erzählt sie in ihrer Autobiografie „Child Star“ von einer Mutter, deren Tochter in der Stunde starb, in der Temple geboren wurde. 1939 versuchte sie, Shirley umzubringen, während diese bei einer Radio-Show gerade „Stille Nacht“ sang. Die Attentäterin glaubte, dass Temple die Seele ihrer Tochter gestohlen habe – und wenn sie sie umbringe, würde die Seele des toten Mädchens befreit werden. „Die Geschichte erschien mir nachvollziehbar“, schreibt Temple lakonisch.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Schauspielerkollegen hat sie nie an Popularität eingebüßt. Noch immer verkaufen sich pro Jahr eine Million DVDs ihrer Filme weltweit. Mit Temples Tod verliert die US-Filmindustrie eine Ikone aus Hollywoods goldener Ära.