Außer Atem

Wenn sie jetzt nicht schreit, ist Marlene wirklich tot

Elmar Krekeler über die Schrecken vom Berlinale-Palast

Hab ich eigentlich schon erzählt, dass ich’s dieses Jahr ruhiger angehen lassen will. Nicht so viele Filme gucken, die Nächte schlafen, die Tage nutzen, für die herrliche Natur um den Berlinale Palast, die wunderbaren Einkaufsmöglichkeiten, über den tollen Marlene-Dietrich-Platz flanieren, die Architektur genießen, mit der er umstellt ist. Gut gelaunt sein.

Ist schon schief gegangen. Die S-Bahn. Ein Stellwerkproblem. Zwei Stunden im Schnürlregen. Und nichts ist es mit ausgeruht durch das Wohnzimmer der kommenden zehn Tage zu wandern, in aller Ruhe zu schauen, ob alles noch da, ob alles schön ist. Die Pressekonferenz – an Hingehen war nicht mehr zu denken – läuft jetzt live auf dem Phone, während ich herumrenne. Das sieht sehr komisch aus. Hätt’ ich Zeit, würd’ ich lachen. Ich hab’ aber keine Zeit, ich hab’ schlechte Laune. Ich bitte das zu entschuldigen.

Unten im Pressekeller des Palastes ist es sehr aufgeräumt. War ja nicht immer so. Den Brunnen hat man aus guten Gründen abgedeckt. „Wasser für alle“ steht auf dem Deckel. Ein schönes Mosaik. Aber ein bisschen gemein. Es gibt nämlich im Pressekeller nicht einen Schluck zu trinken.

Der Livestream zeigt jetzt ganz komische Bilder. Irgendwie verwaschen. Trine Dyrholm sieht aus, als wollte sie die Hauptrolle in einem Gitte-Haenning-Biopic spielen. Kann nicht sein.

Blumen gibt es im Palast übrigens keine. Darüber hat man sich sonst sehr gefreut, wenn die Augen müde waren vom ganzen Elend der Filmwelt. Im Hyatt gegenüber gab es immer Hyazinthen, die auch gegen den Nassertoterhundgeruch im Palast halfen. Diesmal hat’s da fleischige Bodendecker anstelle von duftenden Blüten und ein paar Tulpen, die schon bessere Tage hatten.

Auf dem Handy sieht man endlich die Juroren. Sie sitzen vor dem Plakat, das aussieht wie von einem Matisse-Enkel im Drogenrausch mit Kartoffeldruck hergestellt. Wahrscheinlich deswegen verabschiedet sich das Handy und lässt sich nicht mehr starten. Macht nichts. Ich stehe wieder vor dem Palast. Der sah ja schon immer aus wie ein ins Perverse aufgepumpter Stall von Bethlehem. Jetzt macht ihm ein Pavillon Konkurrenz, der Werbung macht für jene Automarke, mit der in Kriminalromanen Mörder derzeit am liebsten unterwegs sind. Ein Kubus von entschiedener Hässlichkeit. Und wenn Marlene jetzt nicht aus dem Grab kommt und lautstark bittet, den Platz doch nach jemand anderem zu nennen, muss sie wirklich tot sein.

Es gibt sie aber noch, die guten Nachrichten. Die nette asiatische Dame im Burgerbrater bestätigt, dass es im Gegensatz zu Buenos Aires in Berlin keine Probleme mit dem Ketchup-Bestand gebe. Das ist wichtig. Es laufen viele Mafia-Filme im Wettbewerb. Und wenn man die nachstellen will, braucht man halt... Naja. Kindisch. Wenn man aber 20 Filme in fünf Tagen gesehen hat, kommt man auf ganz blöde Ideen. Vielleicht fang ich ja jetzt schon an mit dem Ketchup-Gemetzel. Als kathartischen Akt. Zur Seelenberuhigung. Und morgen bin ich dann wieder frisch und ausgeruht und voller guter Laune. Ich will mein Bestes tun.