Story

Dieser Jesus kann einem ganz schön lästig werden

Furios: Lars Eidinger und Devid Striesow im „Prediger“

Ordnung ist ja eigentlich ein Zeichen von Schwäche. Weil man Angst hat vor der wahren Wildheit der Welt, teilt man sie in Kästchen ein. Packt die einen da hin, und die anderen packt man weg. Das Blöde an der westlichen Welt ist nun leider, dass sie in ihrem Wesenskern von einer Religion geprägt wird, die sich der Ordnungsliebe, dem Wegpacken eigentlich widersetzt. Das Wesen des Christentums ist nämlich, so verstehen es jedenfalls die angenehmsten der Gläubigen, eines des offenen Denkens. In der Welt kann man zum Beispiel schuldig werden, unter den Gläubigen bleibt man das aber zwangsläufig nicht bis in alle Ewigkeit.

Wer hat das nochmal gedacht. Fragt sich der wunderbare Pfarrer in Thomas Bergers Fernsehspiel „Der Prediger“. Und grübelt über das Gleichnis mit dem Hirten und dem verlorenen Schaf nach. Wer hat nochmal gesagt, dass man kein Schaf verloren geben darf? Sie wandern durch eine herrlich offene Wiese unter einem offenen Himmel, der freidenkende Gefängnispfarrer und Remberg, die rechte Hand des Bischofs, der Spindoctor Gottes, der noch nicht einmal einen Vornamen hat, geschweige denn ein Vorleben. Richtig. Jesus war’s. Den hat Remberg längt vergessen über die Lobbyarbeit, das Strippenziehen für die kirchliche Sache, die nicht unbedingt eine Sache des Glaubens ist.

Ein verlorenes Schaf

Jetzt muss er aber über ein verlorenes Schaf urteilen. Jan-Josef Geissler heißt es. Und er ist für Remberg ein Gottesgeschenk. Der ist nämlich in einen doppelten Läuterungsfilm geraten. Das weiß er aber noch nicht. Das wissen sie beide nicht – der verurteilte Frauenmörder und der Bürokrat der Dreifaltigkeit.

Und so sitzen sie sich gegenüber, in der Knastkapelle, die weiß ist, die kalt ist, die ordentlich ist bis zur Leblosigkeit, in der Gott garantiert einen Schnupfen bekäme. Zwei, die sich belauern, denen nicht zu trauen ist.

Im wahren Leben kennen sich Remberg und Geissler von der Schauspielschule, kennen jeden Winkelzug in der Miene ihres Gegenübers, überbieten einander im mimischen Minimalismus, liefern sich eines der herrlichsten Duelle der jüngeren Fernsehgeschichte – Lars Eidinger ist der Mörder, Devid Striesow der Hirte. Nur für Sekunden, wenn ein kleines Kräuseln um die Lippen geht, in einer Bewegung der Augen, zeigen sie sich wirklich. Sie haben sich Masken zugelegt, hinter, unter denen alles verborgen sein kann, alles möglich ist. Gerade Eidinger, sonst im Fernsehen gern mal der typische Latte-Macchiato-Nido-Schluffi, darf endlich mal so sardonisch, diabolisch, so undurchschaubar sein wie auf dem Theater. Thomas Berger verstrickt sie in ein sehr eigenartiges Spiel, lässt sie immer wieder neue Finten spielen, sich verstecken, sich näherkommen, sich abstoßen. Dialoge werden geführt wie Gefechte. Über Glauben und Liebe, Schuld und Vergebung.

ARD, heute, 20.15 Uhr.