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Graffiti, Farbe, Licht: Wie Museen junge Kunden gewinnen

Berliner Museen haben einen Ideenwettbewerb ausgerufen – mit überraschenden Vorschlägen

Wenn es nach der 15-jährigen Aya T. geht, hängen in der Sammlung Berggruen in Charlottenburg bald blutige abgetrennte Körperteile von der Decke, die Heizungen werden zu Knochenhaufen umgestaltet, die Lampen sehen wie Augen aus, die auf die Besucher starren und auf den Treppenstufen werden Totenköpfe liegen. Doch damit nicht genug. Aya T. schreibt in ihrem Vorschlag ganz am Ende: „Jedes Mal, wenn jemand zu nah an ein Kunstwerk herantritt oder es berührt, könnte man einen hohen Schrei erschallen lassen.“

Aya T. war eine von rund 40 Teilnehmern des Wettbewerbs „Wünsch Dir was“, ein Ideen-Wettbewerb der Berliner Museen, der gerade zum dritten Mal veranstaltet wurde. Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren können einen Vorschlag zur Verbesserung der Museen aufmalen und beschreiben. Wenn sie gewinnen, wird ihre Idee umgesetzt. In der Jury sitzen Menschen wie der Direktor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, und die Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, Heike Kramer. Als Ende Januar die Preisverleihung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg begann, trafen also Welten aufeinander.

Aber genau darum geht es, genau das ist es, was große Unternehmen tun, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Das ist es, was Polaroid hätte tun sollen, als die ersten Foto-Handys auf den Markt kamen oder Buchverlage, als die E-Reader auf den Markt kamen. Museen müssen im Kampf um die Aufmerksamkeit gerade junger Menschen gegen eine noch größere Vielfalt antreten. Unternehmen engagieren dann kreative Think-Tanks, bezahlen Unternehmensberater, um neue Impulse zu erhalten. Da ist es egal, dass viele Jugendliche beim Wettbewerb mitmachen, weil sie von Lehrern dazu ermuntert werden – knapp die Hälfte der Vorschläge kam vom Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg.

Auf diese Schule gehen auch David Adam, Lasse Gräf und Lucius Pabst, die mit ihrem Projekt „Graffiti, Farbe und Licht“ den Hauptpreis gewonnen haben. Die drei Jugendlichen schlagen vor, Graffiti-Künstler einzuladen und mit ihnen die Rotunde farbig zu gestalten. Außerdem sollten die Ausstellungsräume in verschiedenen Farben ausgeleuchtet und es sollte Musik gespielt werden, damit die „Atmosphäre“ verbessert wird. Sie wünschen sich einen „roten“, einen „blauen“ und einen „grünen“ Raum. „Wir wollten es gemütlicher haben“, sagt der 13-jährige Lasse, „die Wände gerade in der Rotunde sind ja sehr langweilig.“

Langeweile und Spaß

Damit schneidet er ein Thema an, dass die Moderatorin des Abends, Daniela Bystron, schon früher angesprochen hatten. Sie hatte gleich zu Beginn der Preis- verleihung ein Spiel mit dem Publikum gespielt. Alle die, die Museen langweilig finden, sollten aufstehen. Die Älteren, die geladenen Kuratoren und Lehrer blieben sitzen, genau zwölf der Jugendlichen standen auf und grinsten. Bei der Frage „Wer hat den Spaß im Museum?“ standen ein paar mehr, zum Teil die gleichen, die es auch langweilig fanden. Aber schon da war sichtbar, dass es eben schwierig ist, die Frage mit den Museen und den Jugendlichen als Besucher.

Es ist schwierig, in Berlin über „das Museum“ zu sprechen. Es gibt 175 davon in Berlin, und die meisten setzen nach wie vor auf Glaskästen und Wandbehänge, um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal wird noch ein Audio-Guide angeboten, aber die großen Veränderungen in der Museologie, in der „Inszenierung von Themen“ spiegeln sich meist nur im Jüdischen Museum, im Museum für Kommunikation oder im Martin Gropius Bau wider. Nur dort kann gelegentlich mit Touchscreens und anderen Mitteln gerechnet werden, mit denen auch Jugendliche vertraut sind. So wundert es nicht, dass einer der Vorschläge der Jugendlichen eine „Museums-App“ war. Eine Idee, die es schon längst geben könnte. Mithilfe eines Codes am Bild, könnte man nähere Informationen zum Gegenstand abrufen und vielleicht sogar mit dem Internet abgleichen. Kostenloses Funk-Internet im Museum war bei gleich mehreren Vorschlägen dabei – so auf bei Benjamin Mages, er dafür den „Utopiepreis“ von der Jury verliehen bekam. Sein Vorschlag hieß: „Stellt das Museum um“ und er forderte ein Labyrinth, ein Fließband, einen Kinosaal und 3D-Figuren in der Eingangshalle.

Daniela Bystron von den Staatlichen Museen sagte, dass sie genau solche radikale Ideen wollte, die ein Museum auch für längere Zeit verändern können. In den Jahren zuvor wurde das Ethnologie-Museum für „Nacht-Ausstellungen“ geöffnet und im Hamburger Bahnhof wurden die Gemäldegalerien zu Musikprobenräumen umgestaltet – beides Museen, die für Jugendliche bisher wenig Attraktionen aufzubieten hatten – und wenn sie sich Mühe geben, ihren Stoff modern zu verarbeiten wie das Deutsche Historische Museum, dann erschrecken ungeübte Besucher vor der Materialfülle.

Fließband für faule Besucher

Dabei fiel auf, dass viele Ideen der jungen Museumsgestalter nicht einmal ein radikales Umdenken oder große Umbauten an den jeweiligen Häusern einforderten. Das zeigt, dass auch die Schüler schon jetzt viel mit „langweiligen Bildern an der Wand“ anfangen können. Ihre Vorschläge zeigen viel häufiger kleinere Eingriffe, Feinjustierungen in der Gestaltung der Häuser, die vielleicht wirklich lohnende Investitionen sind. Ein Vorschlag wollte Sitzkissen statt Stühle, schließlich ist Museum eine Freizeitbeschäftigung, eine Schülerin wollte gleich einen Entspannungsraum und eine weitere hatte die Idee, dass die Besucher die Bilder der Künstler weitermalen dürfen: Neben dem Rahmen weiter und dann über die ganze weiße Wand.

Genau darum ging es bei diesem Think-Tank-Wettbewerb, um das Weiterdenken des Bereichs außerhalb der Bilderrahmen, um die Möglichkeit, einen zeitgemäßen Zugang zu Objekten und Gemälden zu schaffen, einen, der nicht nur sagt: „Sie her, das ist alt und wichtig.“ Die großen Häuser auf der Museumsinsel, die Millionen anziehen und Berlins Museen an die Spitze des Landes setzen, machen es zum Teil vor.

Doch es ist fast schade, dass es im Sommer, wenn der Realitätspreis umgesetzt wird, nicht auch der Gewinner des Publikumspreises eine Chance auf die Umsetzung hat: Die Idee von Iris-Doreen Goetzke und Leonie Paulina Jung war es, eine Modenschau in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu veranstalten – mit von den Gemälden inspirierten Kleidern. Für den Publikumspreis musste die Idee bei Facebook 67 Likes bekommen. Vielleicht waren es so wenige, weil Jugendliche Museen langweilig finden – oder weil sie schon längst auf anderen Netzwerken unterwegs sind.