Filmfestival

Abwarten und Gogol lesen

Hunderte Berliner harren aus, um Karten für die bevorstehende Berlinale zu erstehen

Auch das Warten ist nur eine Frage der Einstellung. So hat sich an diesem Montag Morgen ein junger Mann ein Werk von Nikolai Gogol geschnappt und liest es in den Potsdamer Platz Platz Arkaden. „Tote Seelen“ ist auch ein ganz passender Titel, blickt man in die rotumränderten Augen um ihn herum. Wie üblich, bilden sich am ersten Verkauftstag für die Berlinale hier ordentlich lange Schlangen und genauso üblich ist es auch mittlerweile, dass manch einer hier die Nacht verbracht hat, um Karten für einer der mehr als 400 Filme der diesjährigen Berlinale zu kaufen.

Andreas Sabin hat auch vorgesorgt und einen Campingstuhl mitgebracht. „Sonst hatte ich immer ein Kissen dabei zum Sitzen, aber man wird ja auch nicht jünger“, sagt der 47-jährige Berliner. Morgens um halb sieben hat er seinen Posten bezogen, immerhin in den vorderen 15 Metern. Er hat sich für die Berlinale extra zwei Wochen Urlaub genommen von seinem Job im Reisebüro, bis Samstag wird man ihn hier nun jeden Morgen antreffen. „Viele Gesichter kennt man vom Sehen“, sagt Sabin, der sich seine Berlinale-Tickets seit 15 Jahren hier beschafft. „Deshalb klappt auch das Tauschgeschäft ganz gut, man kann ja pro Vorstellung nur zwei Karten kaufen. Manchmal gibt es Streitigkeiten wegen der Rangfolge beim Anstehen, aber dieses Jahr ist es entspannt.“ Unter anderem will er Karten für den Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“ am Donnerstag kaufen. Zwar hasse er den Friedrichstadtpalast, man sitze da so eng und hart, aber der Eröffnungsfilm sei halt ein „Happening“. Ansonsten meide er die Filme im Wettbewerb.

Nicht so Manuel Tyx, der ganz vorne am Schalter auf seiner Isomatte liegt und mit zwei Freundinnen selbstgebackenen Marmorkuchen frühstückt. „Seit gestern Abend 19 Uhr sind wir hier. Da haben wir erstmal im Burgerladen da oben gegessen und dann hier übernachtet“, erzählt der 26-Jährige, der bereits im zweiten Jahr hier nächtigt. „Wenn man den richtigen Untergrund findet, ist es ganz gemütlich“, findet auch seine Begleiterin Anika Schwartz. Sie will unbedingt Tickets für „The Monuments Men“ haben. Aber muss man dafür hier übernachten, wo der Film doch eh bald regulär im Kino läuft? „Ja, aber zur Berlinale-Vorstellung kommt doch George Clooney!“ freut sich die 25-Jährige. Blöde Frage.

Kurz vor zehn dann allgemeine Aufregung. Hocker werden in Jute-Beutel geschoben, Schlafsäcke zusammengerollt. Man ruft sich ein letztes „Viel Glück!“ zu, dann öffnen sich die Jalousien der Schalter. Zehn Minuten später hält Manuel Tyx 20 Tickets in der Hand. Er strahlt. „Das Warten hat sich echt gelohnt!“