Kunstsache

Mit Gummistiefeln und Kamera durchs Watt

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Die Nazis hatten ihn 1933 aus dem Hochschuldienst entlassen. Das hatte seinen Grund, Alfred Ehrhardt lehrte an der Landeskunstschule im Stil des Bauhauses. Das vereinbarte sich nicht mit der braunen Kunstauffassung. Als Student und Hilfslehrer in Dessau kam Ehrhardt in Kontakt mit Josef Albers, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky, so etwas prägt. Ehrhardt also ging 1934 nach Cuxhaven. Der Mann hatte, Gott sei Dank, viele Talente, so verdiente er als Organist und Chorleiter in der dortigen Kirchengemeinde seinen Lebensunterhalt. Zeit genug, sich die Gummistiefeln anzuziehen und rauszugehen, um sich das Naturschauspiel anzusehen, die Vögel am dösigen Himmel etwa oder die Wandlungen des Watts zwischen den Inseln Scharnhörn und Neuwerk. Die Kamera hatte er dabei. Meistens abends, bei Sonnenuntergang muss er losgezogen sein. Schlagschatten auf den Fotos verraten das.

Ihn interessierten die täglich neuen Strukturen im Sand, die durch Wind, Sturm und Wasserlauf entstehen und an abstrakte Muster erinnern. Unglaublich wie variantenreich feinbreiige Sandschichten aussehen können – wie fette Blattadern, feine Venen oder beschwipste Würste in Schlangenform. Oder einfach wie ein weißer Rand, der sich um die Flut kräuselt wie ein kecker Rocksaum. Ehrhardt war bewusst, dass er mit der Kamera unverdächtig spielen konnte, abstrakte Malerei war unter Hitler verboten. So „malte“ er die reduzierten Formationen der Natur mit der Kamera, durch die ausgetüftelte Lichtregie komponiert er seine „Bilder“. Wie heißt es so schön: die Natur hat Kunstinstinkt. Aber noch etwas kommt hinzu. Schaut man die Fotos einmal durch, erscheint die Serie fast wie eine Typologie des Watts in seinen verschiedensten Ausformungen. Hier wird der Fotograf zum Forscher.

Verblüffend auch, wie messerscharf diese Aufnahmen aus den 30er-Jahren sind, schließlich war Ehrhardt Amateur. Ehrhardts fotografisches Erstlingswerk ist derzeit in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Mitte zu sehen. Christiane Stahl, Leiterin der Fotogalerie, lacht: „Ich war auch im Watt, habe nichts gesehen. Für mich sah alles gleich aus.“ Es mag komisch klingen, aber diese schwarzweißen Fotografien sind wie eine visuelle Entschleunigung, Meditation für die Augen. Dass diese Schau nun so steht wie sie steht, ist für Stahl ein Glücksfall. Erst eine Schenkung und ein Ankauf machten die Zusammenschau von 70 Vintageprints jetzt möglich.

1936 kam es zwischen Ehrhardt und dem Pfarrer in Cuxhaven zum Bruch, offenbar spielt er den Nazis zu. Erhardt schlug sich fortan als Künstler durch, begann mit seinem Film „Urkräfte am Werk“, 1939 wird er in Hamburg uraufgeführt. Zu sehen ist – im Zeitraffer – das Watt – ohne Kommentar, nur mit Musik unterlegt. Der Rhythmus der Natur spiegelt sich in der Musik wieder. Die Watt-Fotos übrigens gingen als Verkaufsaustellung auf Reise, durch die halbe Welt. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe startete sie 1936.

Und das Schöne ist, dass es noch leidenschaftliche Verleger wie Xavier Barral aus Paris gibt, der noch auf Qualität achtet, nicht nur auf Marktwert. Als er 2012 auf einer Antiquariatsmesse stöberte, fand er einen „Watt“-Band von Alfred Ehrhard, sofort darin verliebt, war bald klar: „Das machen wir“. Nun gibt es den Katalog als Faksimile neu auflegte. Barral hatte gerade „Mars“ herausgegeben, basierend auf Aufnahmen der Nasa. Sie zeigen die Oberflächenstruktur mit Erosionen und Kratern. Frappierend wie sich Mars und Watt gleichen, in Rhythmus und Linien. Und: Der Bildausschnitt mit einer Fläche von sechs Mars-Kilometern entspricht rund 60 Zentimetern des Watts.

Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststr. 75, Mitte. Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr. Bis 27. April. Katalog: 45 Euro

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien