Kunstgeschichte

Als Skulpturen laufen lernten

Eine Ausstellung zeigt, wie die Bildhauerei von Film und Fotografie beeinflusst wurde

Denkt man die Skulptur des 19. Jahrhunderts, so hat man vor allem den menschlichen Körper in all seinen Ausformungen im Blick, als Büste oder Statue, geformt aus Gips, Ton oder gemeißelt in Stein. Anfang des 20. Jahrhunderts gerät die Bildhauerei jedoch aus den Fugen, das statuarische Prinzip wird verlassen, die Skulptur verwandelt sich in eine offene dynamische Form. Dieser Entwicklung von 1913 bis heute widmet sich mit über 200 Arbeiten die sehr inspirierende Ausstellung „lens-based sculpture“ in der Akademie der Künste.

Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst der späten 1960er und der 1970er Jahre, in denen die Skulptur mit Land Art, Earth Art, Body Art, Performance, Happening und Aktion ganz neue Formen entwickelt. Als Ursache dafür sieht das interdisziplinäre Kuratorenteam, bestehend aus den Bildhauern Bogomir Ecker und Raimund Kummer sowie den Theoretikern Friedemann Malsch und Herbert Molderings, einen entscheidenden Einschnitt in der Skulpturgeschichte gegen Ende des 19. Jahrhunderts: „Die Ausstellung“, erläutert Herbert Molderings, „zeigt die Experimentalisierung der Skulptur im 20. Jahrhundert und den großen Anteil, den die neuen visuellen Medien Fotografie und Film an dieser Experimentalisierung hatten.“

Marcel Duchamps Readymades wie der „Flaschentrockner“ (1914) und seine kinetischen Skulpturen wie das „Fahrrad-Rad“ (1913) versuchen den Faktor Zeit, den Fotografie und Film darstellen können, in der Bildhauerei zu verankern.

In den sechziger und siebziger Jahren kommt es zu einer explosionsartigen Vervielfältigung skulpturaler Formen, die ohne Fotografie und Film nicht möglich wären. Gerade die performativen und ephemeren Varianten der Skulptur wie Performance, Happening, Aktion und Intervention in Arbeiten von Valie Export, Ana Mendieta, Bruce Naumann oder Joseph Beuys wären ohne die dokumentierenden Medien Fotografie und Film undenkbar. Aber auch die spektakulären Land-Art- und Earth-Art-Arbeiten von Robert Smithson, Dennis Oppenheim, Michael Heizer und Charles Simonds in fernen Naturlandschaften hätten ohne ihre Dokumentation niemals Bestandteil eines Kunstdiskurses in den Städten werden können.

Abgesehen davon, dass Film und Fotografie die neuen flüchtigen skulpturalen Ausdruckformen festhalten, werden auch fotografische Apparate oder das fotografische Abbild immer wieder Gegenstand von Installationen wie in den Arbeiten von Hermann Pitz (1997) und Rosa Barba (2012). Inspiriert von der Fotografie als licht-physikalischem Abdruck der Objektwelt spielen darüber hinaus Verfahren wie Moulage und Abguss in der Plastik eine große Rolle wie in den Arbeiten von Duane Hanson, Rachel Whitehead und Kiki Smith. Und schließlich scheinen hyperrealistische Plastiken wie die von Ron Mueck nach fotografischem Abbild geformt zu sein und erinnern an die frühen Versuche des französischen Bildhauers François Willème, der schon 1860 eine industrielle Herstellung von Büsten über eine fotografisch-mechanische Apparatur anstrebte - damals wohl eher ein Flop, heute mit der Möglichkeit von 3D-Druckern eine neue Spielform der Skulptur wie die Arbeit von Karin Sander veranschaulicht. „Die Ausstellung macht deutlich“, so wieder Herbert Molderings, „dass aus intermedialer Kunst durchaus etwas Fruchtbares entstehen kann, ist doch mit das Beste, das in der Skulptur der letzten 50 Jahre entstanden ist, ohne den Einfluss von Fotografie und Film nicht denkbar.“

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Bis 21. April Di-So 11-19 Uhr