Gastspiel

Kommissarin mit Knallphobie

Eva Mattes gastiert mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ im Renaissance-Theater. Ein Treffen

Eva Mattes kommt direkt vom Sport zum Interview. Sie ist noch ein wenig geschafft, musste Gewichte stemmen. Sie hat nichts dagegen, wenn zuerst die Bilder gemacht werden. Der Fotograf schlägt etwas vor, sie macht mit. Stellt sich in eine Rangloge, blickt in den Zuschauerraum des Renaissance-Theaters und freut sich, dass das Bühnenbild schon da ist. Drei Tage vor der heutigen Berliner Premiere von „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Es ist ein Heimspiel für Eva Mattes. Das gibt es selten. Zwar wohnt die 59-jährige Schauspielerin, die einem sehr großen Publikum durch ihre Rolle als Konstanzer „Tatort“-Kommissarin Klara Blum bekannt ist, schon seit 1992 in Kreuzberg (fünfter Stock, ohne Aufzug), aber auf den hauptstädtischen Bühnen ist sie selten zu sehen. Sie hätte nichts gegen ein Engagement. Schon allein aus praktischen Gründen, kurze Anfahrtswege, nach der Vorstellung nach Hause statt ins Hotel und so. Aber das hat sich bislang nicht ergeben.

Bühnendebüt mit zwölf Jahren

Thomas Ostermeier wäre ein Regisseur, mit dem sie gern arbeiten würde. Die Schaubühne also. An dem Haus hatte sie mal einen Vertrag unterschrieben. Und wieder aufgelöst. Das war in der Stein-Zeit, ist also lange her. Regisseur Peter Stein war davon wenig begeistert, aber der Schauspielerin wurde ärztlich geraten, mal eine Pause einzulegen. Sie stand ja bereits mit zwölf Jahren in München auf der Theaterbühne und arbeitete fürs Fernsehen. Als 15-Jährige war sie bei der Berlinale dabei, sie spielte in dem Anti-Vietnamkrieg-Film „O.k.“ von Michael Verhoeven mit, der 1970 für einen Skandal sorgte.

Bei der diesjährigen Berlinale hat sie sich vorgenommen, „drei Filme am Tag zu gucken“. An zwei Werken ist sie beteiligt, in der Reihe Panorama läuft „Fieber“, der neue Film von Elfi Mikesch, in dem Eva Mattes gemeinsam mit „Tatort“-Kollege Martin Wuttke spielt, und im Kino International gibt es die Langfassung von „Deutschland, bleiche Mutter“ zu sehen, die 1980 auf dem Festival lief. Wenn die Berlinale vorbei ist, will sie in Berlin „die Theater abklappern“, um einen Überblick zu bekommen. Vielleicht ergibt sich ja doch etwas.

Bühnenmäßig pendelt sie momentan zwischen Hamburg – „Arsen und Spitzenhäubchen“ ist eine Produktion des St.-Pauli-Theaters – und München. Am dortigen Residenztheater wird sie sogar als Ensemblemitglied geführt, weil das der Intendant gern wollte, gefühlt ist sie aber nur als Gast dort. Nachdem sie die Inszenierung „Weibsteufel“ gesehen hatte, die auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, wollte sie unbedingt mit Martin Kušej arbeiten, denn „das ist ein Schauspieler-Regisseur, das hat mich interessiert“.

Peter Zadek war auch so einer. Die Zusammenarbeit mit dem 2009 gestorbenen Regisseur sei „sehr prägend gewesen“, sagt Eva Mattes. Er sei ein „unheimlich aufmerksamer Beobachter“ gewesen, hätte bei den Proben „genau gesehen, was da oben auf der Bühne passiert“. Man müsse lange suchen, bis man so jemanden wieder finden würde. Dem Anfang allerdings wohnte kein Zauber inne: Zadek wollte für eine Rolle „eine 14-jährige Elfe haben, bekam aber ein 19-jähriges Elefantenkind“, erzählt Mattes. Und dass er sie viele Jahre später, bei der Inszenierung „Der bittere Honig“, so „traktiert hat wie mein Trainer heute“, hat sie auch nicht vergessen. Zadek wollte, dass sie richtig aus sich rausgeht, aber „mir fallen die introvertierten, zarten Figuren viel leichter“.

In „Arsen und Spitzenhäubchen“ gibt es zumindest ein Wiedersehen mit einem Teil der Zadek-Theaterfamilie: Unter der Regie von Ulrich Waller spielen unter anderem Angela Winkler, Uwe Bohm, Gerhard Garbers, Deborah Kaufmann und Christian Redl: „Wir kennen uns gut, sind familiär, fangen nicht bei null an“, sagt Eva Mattes. In Hamburg „werden wir geliebt“, jede „Pointe sitzt“ – was natürlich auch an dem „dankbaren Stück“ liegt, in dem zwei ältere Damen (Angela Winkler und Eva Mattes) es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, einsame Herren von ihrem „Leiden“ zu befreien, indem sie sie auf makabre Weise ins Jenseits befördern.

Sie schaut regelmäßig „Tatort“

Es ist das Kontrastprogramm zum „Tatort“. Seit 2002 ist Mattes dabei, aber dienstälteste Kommissarin ist sie damit nicht. Ulrike Folkerts und das Münchner Duo, das in der Serie gemeinsam ergraut ist, sind länger dabei. Dass der zuständige TV-Sender sie überraschend in den Ruhestand verabschiedet wie jüngst die Leipziger Kollegen Simone Thomalla und Martin Wuttke, fürchtet sie nicht: „Ich habe keine Existenzangst.“

Die Folgen der Kollegen schaut sich Eva Mattes an: Schließlich müsse sie ja wissen, was „die anderen machen und worin sie sich von uns unterscheiden“. Die Hoffnung, dass sie in der Serie doch noch einen Mann bekommt, hat sie mittlerweile aufgegeben. In der ersten Folge gab es noch einen, den hat damals Michael Gwisdek gespielt, der war auch ihr Vorgesetzter und hat den Fall nicht überlebt. Geschossen wird übrigens im Konstanzer Tatort beim Drehen nicht. Also nicht mit Patronen. Eva Mattes hat nämlich eine Knallphobie. „Ich war einmal im Schießstand, das war ganz furchtbar trotz Ohropax, Ohrschützer und Brille.“

Für den Riesenerfolg der „Tatort“-Serie, im Schnitt sehen etwa acht Millionen Zuschauer zu, hat Eva Mattes eine vergleichsweise simple Erklärung: „Das hat auch ganz viel mit Gewohnheit zu tun. ,Tatort‘-Schauen ist der Abschluss des Wochenendes, ein Ritual.“

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100. Premiere heute, 20 Uhr.