Thriller

250 Schuss pro Minute

Selbstjustiz durch Söldnertruppe: Thriller-Autor Don Winslow verlegt sich auf billige Waffenhändlerprosa

Manchmal ist Literatur wie Boxen. Männliche Literatur, versteht sich. Eine Salve aus Cross-Schlägen gegen die Köpfe der Leser. Schwebt, wie der größte aller Boxer einst, wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene. Don Winslow kann so schreiben. Kann Kapitel hinschreiben wie Muhammad Ali kämpfte. Don Winslow ist der Größte, der Größte der Thriller-Autoren. Das weiß er, man hat es ihm oft genug gesagt. Und dass er sich nur selber schlagen kann, weiß er auch. So genau weiß er das, dass er es jetzt geschafft hat. Don Winslow hat sich selbst zur Strecke gebracht.

Erlauben Sie eine Zwischenfrage: Wussten Sie, dass das russische Dragunow-Sturmgewehr die neuen 7N14-Patronen verschießt, spitze Geschosse mit einem Kern aus gehärtetem Stahl, die es auf 831 Meter pro Sekunde bringen? Wahnsinn. Was ich zum Beispiel auch nicht wusste, war, dass die MK 47 vielleicht, wenn ich ganz verrückt werde, meine Lieblingswaffe werden könnte. „Bei nicht ganz 40 Pfund und einer Länge von 94 Zentimetern verschießt die MK 47 40x53mm-Munition bei einer Kadenz von 250 Schuss pro Minute.“ Das hab ich als Zwölfjähriger zum Quartettspielen gebraucht, in einem Roman brauche ich diese Informationen jetzt nicht mehr.

Don Winslow interessiert das nicht. Er hat für seinen neuen Roman „Vergeltung“ in Söldner-, Militär- und Militariakreisen so penibel recherchiert, wie er es für seine gottverdammt guten kalifornischen Drogen-Epen unter Dealern, Junkies und Surfern getan hat. Und um das schöne Wissen über den T-90-Tank, über HAHO- und HALO-Sprünge oder russische Mi24 „Hind“-Helikopter nicht umsonst zusammengeklaubt zu haben, liefert er diese Waffenhändlerprosa bei jeder sich bietenden Gelegenheit all jenen, die sich von „Vergeltung“ ein weiteres Beispiel von Winslows großer Rumble-in-the-Jungle-Bienenstich-Literatur erhofft haben. Leider bekommen sie bloß das stilistisch tapsige, ideologisch traurige Selbstgemetzel eines Schriftstellers, der abstürzt vom angehenden Weltliteraten zu einer Art Inga Lindström des internationalen Thrillerwesens.

Man hat kaum 60 Seiten gelesen, da liegt „Vergeltung“ uneinholbar an der Spitze der blutigsten Bücher des Jahres. 817 Menschen sind tot. Ein Flugzeug ist abgestürzt über dem Brooklyn Battery Tunnel (ersparen Sie mir bitte die Details). Frau und Sohn von Dave Collins, dem Held von „Vergeltung“, saßen mit in Flug 211. Collins, jetzt Sicherheitschef für New Yorks JFK-Flughafen, war mal staatlich bestallter Killer in Uniform für die gute amerikanische Sache in Afghanistan, im Irak, auf Haiti, in Kolumbien. Die Trauerfeier ist kein Trost, auch literarisch nicht. Denn da „werden achthundertsiebzehn weiße Tauben – für jedes Katastrophenopfer eine – aus ihren Käfigen entlassen, sie flattern in den blauen Himmel den Wolken entgegen.

Als sich dann aber herausstellt, dass, was von Fluglinie, Militär und Regierung als bedauerlicher Unfall bezeichnet wurde, der sorgfältig vertuschte Anschlag eines modernen Islamisten war, erwacht der Rambo in Dave. Aziz heißt der Drahtzieher, ein schicker Osama des 21. Jahrhunderts, ein eleganter Netzwerker und Millionensammler, der feinste Leinenanzüge trägt und gutes Essen mag, und die Amerikaner da treffen will, wo sie am verwundbarsten sind: bei sich zu Hause. In einer Parallelschaltung erzählt Winslow nun davon, wie Aziz diesen letzten großen finalen Anschlag auf Amerika plant und Geld sammelt und den islamistischen Terror auf eine neue, moderne Ebene zu bringen versucht. Und wie Dave Collins, dieser Dinosaurier des Dschungelkampfes, der genau weiß, dass er, der perfekte Soldat, der André Rieu der MK 47, den letzten Männerkampf kämpft.

In seinem neuen Buch lässt Winslow beinahe kein Billigkriegsliteraturklischee links liegen zwischen den Leichen, die den Weg des Helden Dave Collins pflastern. Die Sätze sind kurz und leer und hohl. Die Figuren so flach wie die Pappkameraden vom alten Schießplatz. Blut spritzt, Gedärme fliegen. Es darf endlich wieder ein dreifach donnerndes „Bravo Zulu“ gebrüllt werden. Es ist, als hätte Winslow sich einen Kindheitstraum erfüllen und endlich einen Bahnhofsbuchhandlungslandserschocker schreiben wollen.

Manchmal erreicht Winslow dabei ein Maß von Untersubtilität, dass einem schlecht wird. Als Daves dreckiges Dutzend an Bord eines Schiffes geht, das es zum finalen Einsatz gegen Aziz und seine Freunde bringen soll, heißt das natürlich „Nemesis“. Da möchte man eine weiße Taube in den blauen Himmel schicken und den literarischen Herrgott um Erlösung bitten, weil es noch 270 Seiten bis zum Finale sind.

Don Winslow: Vergeltung. A. d. Engl. v. Conny Lösch. Suhrkamp, 14,99 Euro