Krimi

Ann Cleeves macht die Shetland-Inseln zum Schauplatz

Ein Mann allein am Strand. In den Taschen seiner Öljacke liegen Steine, hühnereigroß, rund, glatt, schwer und weiß wie Knochen. April ist der grausamste Monat. Auf Hügeln grasen Schafe mit ihren Lämmern.

Neues Leben beginnt, während Kommissar Jimmy Perez die Steine zum Lieblingsplatz seiner ermordeten Verlobten Fran trägt. Unterm wolkigen Himmel ruft er sich die „Jahreszeiten ihrer Leidenschaft“ in Erinnerung: Winter, Frühling, Sommer, Herbst – die Etappen von Ann Cleeves’ Shetland- Quartett, das 2006 mit „Die Nacht der Raben“ begann und 2010 in „Sturmwarnung“ mit Jimmys Zusammenbruch beendet schien. So ist dieser sentimentale Einstieg zugleich Anknüpfung an eine erfolgreiche Krimi-Serie und Beschwörung der Leiden, die ein Mord hinterlässt. Jimmy ist noch nicht richtig arbeitsfähig, aber am Horizont naht schon die Nebelwand und der nächste Fall.

Kommissar Jimmy Perez sieht in ein Panorama der Trauer, eine graue, verwaiste Welt, in der Fran fehlt. Jerry Markham, der verwöhnte Sohn wohlhabender Hotelbesitzer, hat die Shetlands eigentlich längst hinter sich gelassen, um seine Karriere als Journalist der „Shetland Times“ in London fortzusetzen. Deshalb blickt er nicht auf Torf und Heide. Er blickt über die schmale Bucht. Schaut in die Zukunft: „Vor ihm das Ölterminal.“ Öl, Gas und alternative Energien – das sind die Quellen des neuen, des künftigen Wohlstands der Shetlands. Leute, die hierher gezogen sind, „weil hier alles noch so ursprünglich ist“, hassen sie abgrundtief.

Vielleicht hätte Jerry einmal zurückschauen sollen; auf seine bewegte Vergangenheit und die naive Bootsbauertochter Evie Watt, die er geschwängert und sitzengelassen hat. Aber da hat die Nebelbank seine Zukunft schon verschlungen: „Er hatte blondes Haar und helle Haut, sodass seine dunklen Augen aussahen, als wäre er geschminkt.“ Dass ausgerechnet die vom Festland stammende Staatsanwältin Rhona Laing hier Jerrys Leiche in der Jolle ihrer Rudermannschaft entdeckt, gibt ihr zu denken, aber das behält sie für sich. Immerhin alarmiert sie Jimmys Assistenten, den auch intellektuell recht bodenständigen Sergeant Sandy Wilson.

Und so kennt man Insel und Fall schon aus vier unterschiedlichen Blickwinkeln, bevor die eigentliche Ermittlungsarbeit überhaupt angefangen hat. Denn bis dahin müssen erst noch Leichenbeschauer und Kriminaltechnikerin eingeflogen werden. Und weil Jimmy noch immer nicht voll einsetzbar ist, kommt die attraktive Nachwuchs-Kommissarin Willow Reeves auf die Insel. Mit diesem Personal spielt Ann Cleeves die Möglichkeiten des Inselkrimis souverän durch, verzichtet aber auf die beliebte Täterperspektive, obwohl sie Täter und Motiv offen vorstellt. Ulrich Baron

Ann Cleeves: Tote Wasser. Aus dem Englischen von Stefanie Kremer. Rowohlt, Reinbek. 9,99 Euro