Sachbuch

Harro von Senger erklärt 36 Strategien der Chinesen

Über die Entwicklungen hierzulande dürfte sich der Freiburger Sinologe Harro von Senger freuen.

Dass eine Bundeskanzlerin sich ihrer parteiinternen Konkurrenten mittels Beförderungen entledigt, Koalitionspartner recht freundlich ausschaltet und auch einfach mal gar nichts tut, bis andere sich aufgerieben haben, schafft flächendeckend Wählervertrauen. Kluge Frau! Was die Akzeptanz listenreicher Strategien als eine Form der Weisheit angeht, für die von Senger seit Jahren kämpft, könnte Deutschland in letzter Zeit also Fortschritte gemacht haben. Ob Angela Merkel einen chinesischen Berater hat?

Denn während in China seit zwei Jahrtausenden mit den „36 Strategemen“ ein Instrumentarium verschiedener List-Varianten geläufig ist und Artikel-Überschriften mit Anspielungen etwa auf „Den Himmel täuschend das Meer überqueren“ oder „Einen Backstein werfen, um Jade zu erlangen“ als Hinweise auf bestimmte manipulative Techniken und langfristige Planungen verstanden werden, hat der Westen nur ein indifferentes Gefühl für „die List“ – und diese an sich ein schlechtes Image. Im Westen setze man List zwar ein, verschweige sie aber verschämt, schreibt von Senger, wogegen man sie in China schamlos „einsetzt wie auch thematisiert“. Uns fehle ganz einfach das begriffliche und damit gedankliche Inventar, also die „Klaviatur der 36 Strategeme“. Aufreizend simpel wirken die Sinnsprüche auf den ersten Blick. Doch von Senger warnt vor der „für Europäer recht typischen“ Reaktion, die List als zu schlicht anzusehen. So werde man nur zu ihrem Opfer, im Kleinen ebenso wie auf der Bühne globaler Umwälzungen.

Harro von Senger: Die Klaviatur der 36 Strategeme. In Gegensätzen denken lernen. Hanser, 24,90 Euro