Orchester

Immer mehr Frauen spielen in deutschen Orchestern

Gewerkschaft: Das traditionelle Männerorchester stirbt aus

Die deutsche Orchestergewerkschaft legt einmal im Jahr ihre Statistiken vor, meist verbunden mit mahnenden Worten an die Kulturpolitik. Diesmal wurde in Berlin auch die erste Erhebung des Frauenanteils in den Orchestern vorgestellt. Derzeit liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent. Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), sagt das Ende der Männerherrschaft im Orchester voraus. Um das zu dokumentieren, zeigt er ein Konzertfoto des Bundesjugendorchesters, quasi der Nachwuchsschmiede. Lauter junge Mädchen sitzen an den Pulten, bei den Geigen sind noch drei Jungen zu erkennen. In der Statistik ist erkennbar, dass bei den Frauen zwischen 25 und 35 Jahren der Anteil bereits deutlich über 50 Prozent liegt. Das traditionelle Männerorchester stirbt langfristig aus. Wobei man derzeit einschränken muss, dass es gerade bei den Spitzenorchestern noch anders aussieht: Die Berliner Philharmoniker haben bei 128 Planstellen 19 Musikerinnen. Aber auch hier ist der Trend steigend, wie die letzten Einstellungen beweisen.

Inzwischen wird nach Erklärungen dafür gesucht. „Frauen sind beim Üben fleißiger“, sagt Mertens. Zumal sich junge Leute heute früher entscheiden müssen, was sie gerne später beruflich tun möchten. In der musikalischen Schulung greift demnach das gleiche Problem, das auch Sportvereine haben, die angesichts der verkürzten Gesamtschulzeit mit weniger Mitgliedern zu kämpfen haben. Junge Leute können sich nicht mehr spielerisch ausprobieren wie früher, sondern müssen sich deutlich mehr auf den Schulstoff konzentrieren. Jungen entschieden sich schneller dafür, Arzt, Anwalt oder Architekt zu werden, glaubt Mertens. Konkrete Auswirkungen auf den Orchesterbetrieb seien aber noch nicht absehbar. Auf jeden Fall, das sei hinzugefügt, verdienen in Deutschland Musikerinnen das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen.

Darüber hinaus mahnt Mertens wieder an, dass der Orchesterabbau in den neuen Bundesländern nach wie vor voranschreitet. Insgesamt sind in Deutschland seit der Wiedervereinigung 37 Klangkörper „faktisch von der Landkarte“ verschwunden. Das waren acht in den alten und 29 in den neuen Bundesländern inklusive Berlin. Derzeit spielten 131 Kulturorchester in der Bundesrepublik. Gleichzeitig sei die Zahl der Musiker-Planstellen um 19 Prozent von 12.159 auf 9825 geschrumpft. „Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar“, sagt Mertens. Angesichts des Sparkurses in öffentlichen Haushalten drohten weitere Orchester zu schrumpfen oder zu verschwinden. Allein im Osten seien rund 37 Prozent aller Stellen verloren gegangen. Immer öfter würden die professionellen Musiker unter Druck gesetzt, für eine Jobgarantie auf mehr Gehalt zu verzichten. Planstellen würden über Jahre nicht besetzt. Weniger als die Hälfte der zur Zeit 568 unbesetzten Positionen sind ausgeschrieben, der Rest ist also ein reines Zahlenspiel, um die Orchestereinstufung (es gibt A bis D) zu bewahren.

Von einer „Krise der Klassik“ möchte er dennoch nicht reden. Die Opern- und Konzerthäuser gerade in Berlin melden Besucherzuwächse. Auch die musikalische Vielfalt in Deutschland sei einmalig. Deswegen unterstütze die DOV den Antrag des Deutschen Musikrates auf Schutz der Orchesterlandschaft als immaterielles Unesco-Kulturerbe. Mertens appellierte an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), den Bund stärker an der Debatte über die Orchester zu beteiligen. Denkbar sei ein „runder Tisch“ mit den Arbeitgebern.