Klassik-Kritik

Thielemann führt seine Sänger zu Höchstleistungen

Orkanartige Bravos für die „Elektra“ in der Philharmonie

Plötzlich geht ein Ruck durch die Philharmonie. Elektra krallt sich in den Notenständer, bebt am ganzen Körper. Sie speit Klytämnestra ihren wildesten Todesfluch ins Gesicht. Der Notenständer landet danach scheppernd im Orchester. Ob geplant oder ungeplant: Nun sind wirklich alle hellwach. Vor allem die Sächsische Staatskapelle Dresden, die es sich bis dahin in der Elektra-Partitur recht gemütlich gemacht hat. Das Hasserfüllte, zutiefst Bösartige dieser Musik – es fehlte in der ersten Dreiviertelstunde vollkommen. Chefdirigent Christian Thielemann stutzt Tempo, Dynamik und Artikulation sehr milde zurecht.

Sein Strauss klingt rückwärtsgewandt, nach Rosenkavalier und Alpensinfonie. Keinesfalls nach Avantgarde. Thielemann lässt seinen Sängerinnen Zeit, umsorgt sie, rollt ihnen plüschige Teppiche aus. Waltrauds Meiers Klytämnestra wirkt so verzweifelt menschlich wie schon lange nicht mehr. Evelyn Herlitzius als gepeinigte Elektra braucht eine Weile, um so richtig in Fahrt zu kommen. Doch dann ist sie kaum mehr aufzuhalten. Ihr giftiger Todesfluch jagt das Orchester wie unter Strom. Die Sächsische Staatskapelle richtet sich grandios auf, zeigt endlich, dass sie wirklich das Richard Strauss-Orchester schlechthin ist. Und Thielemann fordert und fordert. Die Schonzeit ist vorbei. Aus einem guten Abend wird ein immer gelungenerer. Vielleicht liegt hierin ja das Geheimnis von Thielemanns Erfolg bei den Sängern: Er weiß, was er von ihnen wann verlangen kann. Und zunächst baut er sie nach allen Regeln der Kunst auf. Die Sänger geben alles, wenn es schließlich soweit ist. Schade nur, dass Richard Strauss keine größeren Rollen für Waltraud Meiers sympathisch intime Klytämnestra und René Papes racheschwarzen Orest vorgesehen hat.

Am Ende steht dann unumwunden fest: Diese Elektra läutet Richard Strauss‘ 150. Geburtstag mehr als angemessen ein. Auch wenn jenes Datum eigentlich erst im Juni zu finden ist. An der Dresdner Semperoper war das Werk bereits am 19. Januar zu erleben. Unter der Regie von Barbara Frey, in nahezu identischer musikalischer Besetzung. Berlin bekam Strauss‘ Elektra nun im konzertanten Nachschlag geboten. Vom gleichen Orchester, das anno 1909 dieses Meisterwerk aus der Taufe gehoben hatte. Thielemann sei Dank dafür. Heftiger Jubel hinterher. Orkanartige Bravos für Elektra und den Dirigenten. Evelyn Herlitzius braucht lange, um die Hauptrolle abzustreifen. Der Tod steckt der phänomenalen Sängerin noch in den Gliedern, hohläugig starrt sie ins Publikum. Doch dann, nach endlos langem Applaus, fällt schließlich alle Last von ihr ab. Sie strahlt warm und herzlich.