Rock'n'Roll

Schreien, toben, kreischen

Er will es immer noch wissen: Pete Doherty, der letzte Rock’n’Roller, tritt im Huxleys auf

Die ganze Stadt versammelt sich in Neukölln, um den Untergang eines Lebens zu verfolgen. Ein bisschen ist das wie Sternschnuppenschauen, nur härter und ein bisschen trauriger. Die Babyshambles spielen ein Konzert in Huxleys Neue Welt. Das ist eine Konzerthalle zwischen der Hasenheide und dem Hermannplatz. Casinos sind dort außen herum. Karten werden für über 100 Euro vor der Halle verkauft. Lange schon ist dieser Abend ausverkauft. Wahrscheinlich sind die Babyshambles die letzte Rock’n’Roll-Band. Weil Peter Doherty der letzte Rock’n’Roller ist. Und ein Dichter natürlich.

Um halb zehn geht das also los. Mit eineinhalb Stunden Verspätung. Aber das kennen die Besucher von Babyshambles-Konzerten schon. Sie trinken einfach mehr Bier. Rauchen heimlich, darf man ja in Konzertsälen nicht mehr. Wieder Bier. Kein Pfeifen. Kein Nerven. Warten in seiner schönsten Form.

„The Delivery“, was für ein krasser Rock-Song. Das ist wie „You really got me“ von den Kinks – nur zehn mal härter, lauter. Peter Doherty ist eben nicht Ray Davies, sondern Peter Doherty, und deswegen erwarten jetzt alle schon beim ersten Song so etwas wie einen Selbstmord oder dass Doherty seine Gitarre zerschlägt.

Taumelnd, aber melodiös

Mit seiner Band aber spielt er einfach nur. Schwitzend. Nach Luft ringend. Taumelnd, aber melodiös. Die Babyshambles lassen sich in zwei Gruppen aufteilen. Auf der linken Seite stehen die zwei Totenbeschwörer. Das sind Doherty und der Gitarrist Mick Whitnall. Und rechts beziehungsweise hinten sind die beiden Musiker. Die Musiker sind der Bassist Drew McConnel und der Schlagzeuger Jamie Morrison.

Das ist so, weil sie nüchtern sind. McConnell trägt ein blitzsauberes Sakko und sein Bassspiel ist genauso sauber. Er gibt auch Gitarrenunterricht. Zum Beispiel dem Sohn des britischen Künstlers Damien Hirst. Wer Kinder unterrichtet, kann nicht drauf sein, kann nicht fertig sein. Der ist einfach ein guter Musiker. Die Babyshambles funktionieren nur als Band, weil beide Gruppen, also die Totenbeschwörer und die Musiker zusammenspielen. Whitnalls Kiefer macht, während er den Skinhead-Ska des alten Englands spielt, „I wish“, ruckartige Krampfbewegungen.

Die Band braucht die beiden Musiker, um die Songs zusammenzuhalten, und Doherty und Whitnall versuchen, sie durch ihr Fertig-sein zu zerlegen. Deswegen sind die Babyshambles eine famose Band. Sie spielen einige der größten Pop-Songs, die in Großbritannien jemals herausgebracht wurden. „Killimangiro“ könnte letztendlich so ohrenschmeichelnd sein wie „She Loves You“ von den Beatles. Aber weil Doherty tobt und schreit und kreischt und Whitnall auf die Gitarre einschlägt, wie einer der gerade damit in ein Land einfallen will, fliegt einem die Liebe um die Ohren, wie man es noch nie gespürt hat. „Why would you pay/ To see me in a cage/ It’s all accross the stage“ singt Doherty jetzt. Ja, das ist so, wir alle zahlen dafür, um ihn in diesem Käfig auf der Bühne zu begaffen.

Mit der Band The Libertines wurde Peter Doherty zur Hoffnung der britischen Schrammelmusik. Irgendwann kam Kate Moss. Er wurde zum Anti-Posterboy. Immer auf Droge. In den Knast. Wieder raus. Die ganze Welt hat auf seinen 27. Geburtstag gewartet und irgendwie befürchtet, er würde sterben, weil das ja so viele Berühmtheiten machen. Drei Alben hat er mit den Babyshambles veröffentlicht. Vergangenes Jahr erst „Sequel To The Prequel“. Er geht immer noch auf Tour, hat mehr als sieben Leben.

Dass er eineinhalb Stunden sein Konzert spielt, ist sein Triumph. Er liest zwischen den Songs mal aus einem Dostojewski-Buch auf Deutsch vor, in der neuen Übersetzung von Wolfgang Kasack, dann wirft er einen Becher Bier im hohen Bogen in die Luft, und dann singt er wieder. So schief schön, wie es nur Doherty kann. Er trägt ein Ringel-Polo-Shirt, wie ein junger Maat. Aber Doherty ist an diesem Abend der Kapitän. Durch die tiefsten Stürme führt er sein Publikum in den Hafen der größten Gefühle.