Filmfestival

Warten auf Clooney

Stars satt auf dem roten Teppich: Festivalleiter Dieter Kosslick stellt das Berlinale-Programm vor – und will dem Flüchtling Nazif Mujic helfen

Die wichtigste Frage des Tages wird gleich als Erstes beantwortet. Ja, George Clooney kommt. Das ist der erste Satz, den Festivalchef Dieter Kosslick sagt. Das sei auch die einzige Frage, die man ihm in diesem Jahr zur 64. Berlinale ständig stelle. Das scheine für dieses Land wohl wichtig. „Die ganze Berlinale“, frotzelt Mr. Berlinale, „ist ein einziger G-Punkt.“

Es ist schon ein echtes Ritual. Immer neun Tage vor der Eröffnung wird das Berliner Filmfestival mit einer Pressekonferenz eingeleitet. Obwohl alles längst gesagt, längst veröffentlicht und längst gedruckt ist. Wie bei der Elefantenrunde nach einer Bundestagswahl sitzen alle Sektionenchefs von Panorama über Forum bis Kinderfilmfestival und Retrospektive beisammen, um ihre Highlights zu erläutern. Aber alle interessieren erst mal nur die Stars.

Promi-Rummel am roten Teppich

Da kann sich die 64. Berlinale durchaus sehen lassen. Sie hat den Clooney, „Monuments Men“, mit Starbesetzung, sie hat den Eröffnungsfilm „Grand Budapest Hotel“, der neben Ralph Fiennes in der Hauptrolle zahllose Stars selbst in Kleinstauftritten aufweist. Sie hat den neuen Lars von Trier, ein Sexskandalfilm, ebenfalls mit Starriege, diese obendrein nackt. Und sie hat „American Hustle“, noch so ein Star-Reigen, der überdies für zwölf Oscars nominiert wurde. Allein diese drei Filme weisen ein Teppichpotenzial auf, das allein ein Festival stattlich machen könnte: Matt Damon, Christian Bale, Bradley Cooper, Charlotte Gainsbourg, John Goodman, Uma Thurman, Chris Slater, Tilda Swinton, sie alle werden erwartet. Und bilden doch nur den Anfang.

Aus Amerika kommen überdies Edward Norton, Pierce Brosnan, Jeff Goldblum und Viggo Mortensen, aus Frankreich Catherine Deneuve, Léa Seydoux und Sandrine Kimberlain, und für den deutschen Film werden unter anderem Dominik Graf, Hannah Herzsprung, Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu und Ronald Zehrfeld über den roten Teppich laufen. Dazu kommt noch die hochkarätige Internationale Jury um den Präsidenten James Schmaus, unter anderem mit dem doppelten Oscar-Preisträger Christoph Waltz und der James-Bond-Produzentin Barbara Broccoli. Die Berlinale verspricht Stars satt.

Über 5000 Filme sind für das Festival eingereicht worden, ein neuer Rekord. 409 aus 72 Ländern haben es am Ende in das offizielle Programm geschafft, das sind noch einmal sechs Filme und zwei Länder mehr als im Vorjahr. Hinzu kommen noch die 778 Filme, die im Europäischen Filmmarkt (EFM) zu sehen sind. Macht stolze 1178 Filme in elf Tagen, also ein Schnitt von 107,9 Titel pro Tag. Auch wenn man das EFM-Programm abzieht, bleiben immer noch 37,2 Beiträge pro Tag.

Wer soll das alles sehen? Und wie soll man sich entscheiden? Zumal sich die Sektion Wettbewerb und Berlinale Special gegenseitig ein bisschen den Rang ablaufen. Als Specials laufen unter anderem die Bestsellerverfilmungen „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ und „Das finstere Tal“ sowie gleich zwei Filme von Volker Schlöndorff, ein ganz alter, „Baal“ von 1969, und der allerneueste, „Diplomatie“. Und dann muss man sich nicht nur zwischen Berlinale Palast und Friedrichstadt-Palast entscheiden, als drittes Riesenkino kommt endlich, nach langen Jahren der Schließung, auch der Zoo Palast wieder hinzu. Und wird diesmal nicht nur die gewohnten Sektionen Panorama und Kinderfilmfestival zeigen, sondern ebenfalls Special-Filme.

Quer durch die Stadt werden 25 Lichtspielhäuser mit insgesamt 64 Leinwänden zu Festivalkinos, davon sieben Kiezkinos und eine mobile Leinwand in der JVA Tegel, wo der Gefängnisfilm „Raumfahrer“ gezeigt wird. Der Festival-Gast hat also mal wieder die Qual der Wahl. Aber das ist eben auch das Schöne an diesem Festival, im Gegensatz zu den großen Konkurrenten in Venedig und Cannes: dass es in einer Großstadt stattfindet. Und dass die ganze Stadt auch vom Festivalfieber angesteckt wird.

23 Filme sind im Wettbewerb, 20 davon im Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären. Mit gleich vier Beiträgen der Spitzenreiter ist diesmal der deutsche Film, das hat es seit 1986 nicht mehr gegeben. Aber auch China und Lateinamerika bilden Schwerpunkte. Wenn es denn einen roten Faden gebe, sagt Kosslick, dann ist es das Thema Menschen in Gewaltstrukturen sowie Filme über Kinder und Jugendliche, die die Folgen der Finanzkrise am härtesten zu spüren bekämen.

Eine Anwältin prüft, was möglich ist

Und dann zückt Kosslick noch zwei Trümpfe aus dem Ärmel. Am letzten Berlinale-Tag, dem Publikumstag, werden einige Folgen der neuen Staffel der Fernsehserie „House of Cards“ vorgeführt, im Zoo Palast, unentgeltlich. Und ebenfalls zum Ende wird, das ist nun doch eine Überraschung, auch Martin Scorsese kommen. Und eine Work-in-Progress-Premiere (was immer das ist) seiner „Untitled New York Review of Books Documentary“ präsentieren. Das hätte schon mal den Bären für den kompliziertesten Titel verdient. Aber die Berlinale hat damit nicht nur einen G-Punkt, sondern auch zum Ausklang noch mal einen ganz großen Star-Event.

Ganz am Ende kommt Kosslick noch einmal auf den Fall Nazif Mujic zu sprechen. Der Bosnier hat vergangenes Jahr im Wettbewerbsfilm „Eine Episode aus dem Leben eines Schrottsammlers“ sein eigenes Leben nachgespielt und dafür den Silbernen Bären gewonnen. Jetzt aber hält er sich in Berlin auf, sein Asylantrag wurde vor kurzem abgelehnt, ihm droht die Abschiebung. Kosslick hofft, dass da noch etwas zu bewegen sei. Seit er von dem Fall erfahren hat, trifft er sich regelmäßig mit Mujic, das Festival hat ihm auch eine Anwältin besorgt, die die rechtlichen Möglichkeiten prüft. Darüber hinaus sei Mujic natürlich Gast bei der diesjährigen Berlinale.