Interview

„Die Noten bleiben mein Geheimnis“

Filmkomponist Ennio Morricone ist ein Weltstar. Bei der Berlinale stellt er seine Hits in der O2 World vor

Seine Musiken zu „Zwei glorreiche Halunken“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ kann jeder mitpfeifen und werden auch gern als Handy-Klingeltöne genutzt. Er ist der berühmteste Filmkomponist der Welt. Im November ist Ennio Morricone 85 geworden, beim Europäischen Filmpreis in Berlin hat er gerade eine Auszeichnung für sein Lebenswerk erhalten. Aber noch nie hat der Italiener, der nicht nur Filmmusiken, sondern auch klassische Werke komponiert, ein Konzert mit seinen Werken in Berlin gegeben. Das wird er jetzt, im Rahmen der kommenden Berlinale, am 11. Februar tun. Und gleich in der O2 World. Schon jetzt ist das Konzert fast ausverkauft. Mit der Filmlegende sprach Gerhard Midding.

Berliner Morgenpost:

Herr Morricone, Sie sind gleichermaßen mit der E- wie mit der U-Musik vertraut. Sie kennen die musikalische Moderne, haben mit Karlheinz Stockhausen und John Cage gearbeitet. Zugleich haben Sie als Arrangeur und Songschreiber für Schlagersänger wie Milva gearbeitet. Welcher Aspekt ist für Ihre Filmmusik wichtiger?

Ennio Morricone:

Alle! Aber ich glaube, ich habe erst mit der Zeit begriffen, wie sehr diese unterschiedlichen Erfahrungen mich geprägt haben. Ich trage sie noch heute in mir, sie machen meine Persönlichkeit aus. Ich glaube, diesem Hintergrund verdanke ich meine Neugierde, meine Lust auf die ständige Erneuerung. Ich habe nicht das Gefühl, angekommen zu sein. Ich spüre immer noch den Drang nach Verbesserung. Ich schaue stets nach vorn.

Als Sie 16 waren, mussten Sie für Ihren Vater einspringen, der als Trompeter in Unterhaltungsorchestern auftrat. Sie spielten während des Zweiten Weltkriegs vor amerikanischen Soldaten. Später sagten Sie, dabei hätten Sie begriffen, dass Musik keine Wissenschaft, sondern ein Erlebnis ist.

Das war tatsächlich eine entscheidende Erfahrung für mich. Mein Vater hatte mir geraten, Musik zu studieren – nicht Komposition, sondern Trompete. Erst später, am Konservatorium fiel meinem Harmonie-Lehrer auf, dass ich ein Talent für Komposition besitze. Ich glaube, mein Vater sah es gar nicht so gern, dass ich mich nun intensiv mit Kontrapunkt und Harmonielehre beschäftigte. Ich glaube, dieser Moment war wichtig, weil ich fortan über alles, was danach kam, selbst entschied.

Vor Ihrer Filmarbeit musizierten Sie mit der berühmten Improvisationsgruppe „Nuova Consonanza“, die viel mit Geräuschen arbeitete. Das hat ihre Westernmusik zu „Für eine Handvoll Dollar“ stark geprägt. War es sehr wagemutig, als erster Filmkomponist mit dem Einsatz von Geräuschen und Stimmen zu experimentieren?

Das war keine Kühnheit. Ich war mir nicht bewusst, dass ich damit ein Tabu brach. Ich hatte einfach Lust dazu, mit dem Publikum auf eine andere Weise zu kommunizieren, als es bis dahin im Western üblich war. Ich würde aber nicht von Geräuschen sprechen, sondern eher von nicht-musikalischen Klängen.

Filmmusik wird gemeinhin mit der Stoppuhr komponiert: Sie muss auf den Sekundenbruchteil genau passen. Sie jedoch haben Partituren schon oft lange vor den Dreharbeiten geschrieben, beispielsweise für „Schlacht um Algier.“ Und bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ war noch nicht einmal ein Drehbuch fertig. Wie gelingt Ihnen das?

Das ist bei jedem Film unterschiedlich. Für „The Best Offer – Das höchste Gebot“ habe ich zum Beispiel längere Passagen komponiert, von denen im fertigen Film oft nur ein paar Sekunden übrig geblieben sind. Ich habe die Musik in ihrer Gesamtheit bedacht, was dem Regisseur beim Schnitt dann viele Freiheiten ließ. Generell muss ich natürlich einen Eindruck davon gewinnen, wie der Film aussehen wird, was der Filmemacher vorhat. Sergio Leone etwa besaß ein einzigartiges Talent, einen Film zu erklären, lange bevor er die erste Einstellung drehte. Er erzählte nicht nur die Handlung in allen Details, sondern konnte auch präzis beschreiben, wie er sich den Stil vorstellte. Ich arbeite gern auf diese Weise – auch, weil ich finde, dass Filmmusik eigenständig sein, dass sie Autonomie besitzen muss. Schauen Sie, es gibt doch viele Filme, in denen Stücke von Bach, Mahler oder Mozart eingesetzt werden. Da ist jedem klar, dass sie nicht für den Film komponiert wurden, aber sie funktionieren trotzdem hervorragend. Als Komponist will ich natürlich dem Film dienen, aber ich möchte zugleich das Gefühl haben, die Musik sei unabhängig von Bildern entstanden.

Ich glaube, über die Musik zu Ihrem letzten Film mit Sergio Leone, „Es war einmal in Amerika“ haben Sie beide schon acht Jahre vor den Dreharbeiten gesprochen. Das ist eine lange Zeit.

Es waren sechs. Aber in der Zeit haben wir nicht nur geredet, ich habe sie auch schon geschrieben und aufgenommen.

Wie hätte die Musik geklungen, die Sie für sein Projekt über die Belagerung von Stalingrad schreiben wollten, dass Leone dann nicht mehr realisieren konnte?

Das soll ein Geheimnis bleiben, denn es ist eine sehr traurige Erinnerung. Leone war normalerweise ungeheuer neugierig, er wollte immer hören, welche Ideen und Themen mir durch den Kopf gingen. Er erzählte mir wieder ganz ausführlich, wovon der Film handelt. Aber ich wunderte mich, dass er diesmal meine Musik nicht hören wollte. Erst nach seinem Tod erfuhr ich von seinem Neffen, der zugleich sein behandelnder Arzt war, weshalb. Es war ja ein großes Projekt, dessen Dreharbeiten lange Zeit in Anspruch genommen hätten. ist. Er wusste, dass Sergios Herz dieser Anstrengung nicht mehr gewachsen gewesen wäre. Aber es war ihm wichtig, mir den Film zu erzählen, damit er wenigstens auf diese Weise existiert.

Die Autonomie Ihrer Filmmusik erweist sich auch darin, dass sie ein reiches Leben jenseits der Leinwand hat: Auf Ihren Tourneen zeigt sich regelmäßig, wie gut sie im Konzertsaal funktioniert. Ein Stück, das das Publikum bei Ihren Auftritten regelmäßig in den Bann zieht, stammt aus einer italienischen Komödie, die kein Mensch kennt: „Metti una sera a cena“. Empfinden Sie das als eine Bestätigung?

Ja, das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Filmmusik sich emanzipieren kann. Aber diese Unabhängigkeit fällt ja nicht vom Himmel. Das Stück passt gut in den Film, es ist nicht abstrakt. Aber es steckt eine kompositorische Arbeit dahinter, die auch ihren eigenen Regeln folgt. (Er nimmt einen Zettel zur Hand, zeichnet Noten darauf) Es gibt zunächst einmal zwei Themen, dann setze ich einen Kontrapunkt in sechs Teilen. (Er summt die Passage.) Aus der einfachen Notenfolge wird allmählich eine sehr komplizierte musikalische Konstruktion. Den Zuhörern fällt das natürlich nicht auf. Das ist sogar besser, denn es so entfaltet die Musik eine größere emotionale Wirkung.

Da sind wir wieder bei der Doppeldeutigkeit der Musik als Wissenschaft und Erlebnis!

Erlebnis ist schön und gut, aber es steckt eine Menge Arbeit dahinter. Jemand, der die Partitur analysieren würde, könnte entdecken, wie viel Schweiß mich das gekostet hat. Aber ich gebe meine Partituren ja nie aus der Hand. So bleibt der Schweiß, den ich vergossen habe, mein Geheimnis.

Sie haben in jedem Filmgenre gearbeitet: Neben Western haben Sie Kriegs-, Kriminal- Liebes- und Politfilme vertont sowie Dokumentationen. Ich glaube, nur Animationsfilme fehlen in Ihrem Portfolio.

Nein, nein, ich habe auch zwei Trickfilme gemacht! Deren Titel ist mir entfallen, aber ich glaube, sie waren nicht schlecht.

Gibt es dennoch ein Genre, in dem Sie gern noch arbeiten würden?

Ich würde gern mehr Science-Fiction-Filme machen. Ich habe zwar schon für John Carpenter „Das Ding aus einer anderen Welt“ geschrieben und einen unbekannteren Film, „Humanoid“, für den ich eine Fuge in sechs Partien komponierte, drei für Orgel und drei für Orchester. Das ist eine Herausforderung, die mich sehr reizt, zumal die Amerikaner in diesem Genre gute Arbeit leisten. Aber schauen Sie nur, was ein so hervorragender Komponist wie John Williams bei „Krieg der Sterne“ machen muss: Er komponiert eine Marschmusik, die im Weltraum zu hören ist! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das seine Idee war, sondern dass die Produzenten das verlangt haben. Ich schätze Williams sehr. Auf der Liste der meistverkauften Filmmusikalben nimmt „Krieg der Sterne“ den ersten Platz ein. Den gönne ich ihm. Gleich an zweiter Stelle kommt übrigens meine Musik für den Leone-Western „Zwei glorreiche Halunken“.

O2 World Am 11.2. dirigiert Ennio Morricone auf seiner „50 Years of Music“-Tour ein 160-köpfiges Orchester